Einen „Überraschungsangriff“ des militanten Innenministers Schröder – so haben Kritiker den Entwurf des Rundfunk- und Fernsehgesetzes genannt, den die Bundesregierung am 30. September kurz und bündig verabschiedet hat. Die Fronten sind seither in Bewegung geraten. Aber übersichtlicher sind die Kampflinien nicht geworden: Viele Angehörige der CDU und DP im Bundestag dürften zustimmen, daß es außer den vorhandenen Funkanstalten und neben dem Kurzwellensender „Deutsche Welle“ (Köln), der in das überseeische Ausland wirkt, einen „Deutschland-Funk“ (Sitz Berlin) und ein „Deutschland-Fernsehen“ (Sitz Frankfurt) geben solle. Die SPD-Fraktion jedoch wird Widerstand leisten, und dies viel heftiger, als voraussehbar war. Und ihre Position wird um so stärker sein, als sie „auf Länderebene“ von ihren Gegnern unterstützt wird: von den Politikern der CDU/CSU. Hier geht es nämlich um das Prinzip, daß den Ländern ( und nicht dem Bund) die Kulturhoheit zusteht. Föderalisten aller Parteien, vereinigt euch! Zentralisten desgleichen!

Es hieße, sich den Kopf des Bundesinnenministers zerbrechen, wenn man fragte, ob er mit raschem Zupacken einen Augenblick nutzen wollte, da die Sozialdemokraten in Rundfunk- und Fernsehsachen unentschlossen oder gar uneinig zu sein schienen. Man kann ebensogut annehmen, daß er keineswegs an einen Überraschungssieg glaubte, sondern nur deshalb seinen Gesetzesentwurf sozusagen auf den Tisch knallte, weil er die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern zu einem gerechten Kompromiß vorantreiben will. Jetzt hat der Bundesrat das Wort. Er wird begreifen, was da vor ihm liegt: ein „Problem“, ein „handfester Brocken“ ...

Lassen wir diesen „Brocken“ ein Weilchen auf dem Tisch des Bundesrates liegen, und wenden, wir uns für einen Augenblick von den Politikern ab und den „Konsumenten“ zu!

Was will der Funkhörer? Er fühlt sich von den Sendern, die auf „Länderebene“ wirken (und die sämtlich mit zwei Programmen arbeiten: auf Mittel- und Ultrakurzwelle) mehr oder weniger gut bedient; und er hat gar nichts dagegen, sollte er obendrein noch einen „Deutschlandfunk“ hören können. Der Fernsehteilnehmer jedoch reagiert bei weitem nicht so freundwillig: Er fordert, erheischt das Zweite Programm. Und dieses Verlangen wird desto energischer, je größer der Millionenkreis der Menschen wird, die dem Funk nur noch lauschen, wenn „etwas Besonderes“ geboten wird, aber ihre Abende meist vor dem Fernsehgerät verbringen. (Es ist dies übrigens eine Entwicklung, die den Funkleuten Gelegenheit gibt, Programme mit höheren Ansprüchen zu verwirklichen, und es scheint, daß sie diese Chance nutzen.) In welchen Händen die Gestaltung des zweiten Fernsehprogrammes liegen sollte, das weiß das Gros der „Fernseher“ zwar nicht zu entscheiden. Wohl aber lassen sich zwei Forderungen deutlich aus dem Chor der Widersprüche vernehmen. Erstens: „Bietet Programm I etwas Ernstes, will ich, je nach Stimmung, auf ein heiteres Programm II ausweichen können.“ („Kontrastprogramm“ nennen das die Fachleute.) Zweitens: „Das Fernsehprogramm sollte besser sein, als es in den meisten Fällen ist!“

Lassen wir die Politik immer noch ein Weilchen aus dem Spiel, so haben wir Gelegenheit zu prüfen, wie die beiden Forderungen des Publikums erfüllt werden könnten. Zum ersten Punkt: Das „Kontrastprogramm“ läßt sich am besten, ja sogar ausschließlich dann garantieren, wenn die zweiten Fernsehsendungen von niemand anderem als den vorhandenen Stationen betrieben werden! Zum zweiten Punkt: „Bessere Leistungen“ ergeben sich stets nur aus dem Wettbewerb. Zwar können Wettbewerbsmöglichkeiten gewiß auch innerhalb der bestehenden Fernsehsender geschaffen werden, aber garantiert wird ein nicht erlahmender, stets neu sich entzündender Eifer einzig und allein durch den Wettbewerb zweier voneinander unabhängiger Organisationen. Und diese Tatsache spricht sehr stark für den Regierungsentwurf, vorausgesetzt, daß wiederum gewisse Prinzipien garantiert sind, von denen nur zwei – die wichtigsten! – genannt sein sollen.

Erstes Prinzip: Fernsehen – das ist nicht bloß eine (relativ) neue Technik; es ist vor allem eine (nicht relativ, sondern absolut) neue Gestaltungsform. Was die Fernsehkamera zeigen kann – ob Mensch, ob sachlich’ Ding, ob künstlerisch geformten Stoff – und wie die Kamera es zeigen soll: Das alles ist noch nicht genug erprobt. Es fehlen Fernsehleute mit Erfahrungen. Woher will eine – eigene Anstalt Menschen und Erfahrungen nehmen, wenn nicht stehlen (von den vorhandenen Anstalten)?

Zweites Prinzip: Bessere Leistungen kommen zustande, wenn man sachverständigen Menschen weniger Überwachung, aber dafür mehr Vertrauen entgegenbringt! Wo aber ist mehr Vertrauen zu Menschen und mehr Mut zu schöpferischen Experimenten garantiert – bei den bestehenden Fernsehstationen oder einer neuen, konkurrierenden Organisation? Meine Wenigkeit, die jahraus, jahrein mancher Fernsehkamera mehr oder weniger mutig ins kalt blickende Auge gesehen hat, kann nur antworten: Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß jene Sender das Rennen gewinnen werden – mögen es die bestehenden Gruppen oder mag es eine neue Anstalt sein –, die möglichst viel Freiheit gewähren. Und ich schließe bei dieser Prophezeiung alle Mitarbeiter des Fernsehens ein, denen man mehr Freiheit und Vertrauen schenken möge, sogar die Intendanten, ja, diese besonders.