S. H., Berlin, Anfang Oktober

Der jetzt veröffentlichte Siebenjahresplan der Sowjetzone für 1959 bis 1965 straft die propagandistischen Behauptungen Lügen, wonach die DDR im Jahre 1965 den westdeutschen Lebensstandard erreichen oder gar überholen werde. Sogar wenn der Plan erfüllt werden sollte, wäre der Standard der Zone 1965 immer noch weit unter demjenigen der Bundesrepublik.

Beispielsweise sind für die nächsten sieben Jahre 691 000 neue Wohnungen geplant. Dies ist wenig mehr als die Zahl, die gegenwärtig in der Bundesrepublik in einem Jahr erreicht wird. Pro Kopf der Bevölkerung sieht der Plan weniger als die Hälfte jener Wohnungszahl vor, die in Westdeutschland während der letzten sieben Jahre erstellt worden ist. Die DDR-Planer hoffen ferner, im Jahre 1965 rund 108 000 Automobile zu produzieren. (Westdeutsche Jahresproduktion: 770 000 Stück.) Auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet heißt das, daß die DDR hofft, 1965 ungefähr 40 v. H. der gegenwärtigen westdeutschen Produktion zu erreichen.

Ähnlich verhält es sich mit anderen dauerhaften Konsumgütern wie Waschmaschinen und Kühlschränken. Überall bleibt das für 1965 gesetzte Planziel auch pro Kopf weit unter den jetzigen Zahlen der Bundesrepublik. Die einzige Ausnahme sind Fernsehgeräte. Damit sollen 1965 dreiviertel aller ostdeutschen Haushalte ausgerüstet sein, eine Zahl, die weit über der gegenwärtigen westdeutschen liegt. Aber im totalitären, Staat ist das Fernsehen eben ein wichtiges Propagandainstrument.

Der Lebensstandard der Sowjetzone ist zu der Zeit, als der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt war, im Westen übertrieben schwarz gemalt worden. Seit einem Jahr schwingt das Pendel in die andere Richtung; in gewissen Kreisen beginnt man beinahe schon an ein ostdeutsches Wirtschaftswunder zu glauben. Die Wahrheit ist, daß die Wirtschaft der Zone seit der Zeit des Nachkriegselends zwar große Fortschritte gemacht hat, dabei aber immer runde zehn Jahre hinter der Bundesrepublik herhinkt. Nach den Planziffern wird es auch in Zukunft so bleiben. Die Volkswirtschaft der DDR basiert auf „austerity“; im allgemeinen fehlt es nicht an billigen Massengütern, aber dennoch an sehr vielen Dingen, die im Westen absolut alltäglich sind. Die Qualität der Kleider und anderer Gebrauchsgüter ist eindeutig geringer, und Engpässe in der Versorgung selbst mit so billigen Gegenständen wie Stecknadeln oder Ersatzteilen für ein Fahrrad bleiben vorderhand an der Tagesordnung. Die Versorgung entspricht heute ungefähr jener aus dem Jahre 1950 im Westen.

Der Siebenjahresplan enthüllt nun jedoch noch einen anderen Aspekt, der sich möglicherweise als gefährlich erweisen könnte.

Während die Planziele, die der Erhöhung des Lebensstandards gelten, bescheiden sind, soll im Bereich der Basis- und Schwerindustrie offenbar ein sehr ambitiöses Programm verwirklicht werden. Mit anderen Worten heißt das, daß viel größere Anstrengungen als bisher zu einem geringeren Entgelt erforderlich sind. Dies geht aus wenigen Zahlen hervor. Während der ersten neun Monate dieses Jahres stieg die Produktivität pro Arbeitsstunde in der DDR um 9 v. H.; die Reallöhne erhöhten sich demgegenüber nur um 3 v. H. In den kommenden Jahren soll sich diese Differenz laut Plan wie folgt entwickeln: Geplante Zunahme der Produktivität der Arbeit 85 v. H. Geplante Erhöhung der Reallöhne 60 v. H.