III. Ein Unschuldiger, den Weimar einsperrte, Hitler festhielt und den die Amerikaner verurteilten

Ein Schicksal unserer Tage, aufgezeichnet von Ernst von Salomon

Als „Zeitfreiwilliger“ war A. D. in die Kaserne eingerückt, um in den Revolutionstagen, die den Jahren des ersten Weltkrieges folgten, auf der Seite der Armee und der Nationalen gegen den Kommunistenführer Max Holz zu kämpfen, der mit den Allüren und Methoden eines Räuberhauptmannes die sächsischen Städte unter Druck setzte. Nationale Gesinnung und politische Ahnungslosigkeit kennzeichneten den jungen A. D., der die bunte Schülermütze gegen den Stahlhelm vertauscht hatte. War er ein Pechvogel? „Sein Prinzip war“, sagt Ernst von Salomon von seinem Helden, der später 27 Jahre hinter Gittern zubringen mußte, „brav zu handeln und in schwierigen Situationen das moralisch Gute und Vernünftige zu tun. Es ist zu beachten, daß er das schwarz-weiß-rote Band seiner Schülermütze, das die Revolutionäre ärgerte, mit einem Tuchstreifen verdeckte, der nur zufällig schwarz war. Eben dieses Schwarz – die Farbe der Trauer – wurde ihm aber als Zeichen des Protestes ausgelegt, so daß er seine ersten, sozusagen politischen Prügel bezog. Ein Pechvogel? Eher ein normaler, gut erzogener Mensch, der den Verstrickungen der Zeitläufe nicht gewachsen war. Dies jedoch teilt A. D. mit so vielen Deutschen, das man sagen kann: es ist Schicksal dieser Zeit.“

Als „Zeitfreiwilliger“ lernte A.D.die hundsgemeine Angst kennen, die das Herz in dem Maße zusammenklemmt, wie sich der Schließmuskel öffnet. Die Angst packte ihn, als er, schußbereit auf hoher Mauer, sah, wie die Massen herannahten, fürchterliche Massen von Menschen, mit roten Fahnen, mit Transparenten, unerschütterlich herannahend, ein einziges, dunkles Gewimmel, das, obwohl die Gesichter zu erkennen waren, eher einer Woge von zu Klumpen zusammengeschmolzenen Insekten glich, als dem Marsch von Menschen. Gerade in dem Augenblick aber, da die Masse so weit herangekommen war, daß A. D. in der Haltung der ersten Reihen nicht wilden Tatendurst, sondern ein müdes, mechanisches Getriebensein zu erkennen glaubte – und so viele Frauen in den ersten Reihen! –, da ertönte das schneidige Kommando, das von einem Aufatmen begrüßt wird, da es der eigenen Unentschiedenheit ein Ende macht. A. D. schoß von der Höhe seiner Mauer, wie alle anderen dort auch, Gewehr hochgerissen. Es knallte befreiend – niemand darf A. D.’s Versicherung bezweifeln, er habe selbstverständlich in die Luft geschossen, über die Köpfe der Menge hinweg. Sie hatten alle in die Luft geschossen, über die Köpfe der Menge hinweg: so war es ihnen aufgetragen worden, so hatte man sie belehrt. In die Menge hinein durfte nur auf besonderes Kommando geschossen werden.

Die Menge zerstob. Die Masse löste sich auf in ein Gewimmel von auseinanderstrebenden Individuen, die eilig flüchteten. Es blieben zwar einige liegen. Aber es waren nicht Tote; es waren lebendige, ehemalige Frontsoldaten, die wußten, daß man, wenn es schießt, nicht davonläuft, sondern sich hinwirft; oft geübt. Vielleicht waren unter denen, die da ruhig liegenblieben und dann systematisch einer Deckung zurobbten, einige, die nur kurze Zeit zuvor an den staunenden Augen A. D.’s in vollem militärischem Wichs „unter klingendem Spiel“ der Heimatkaserne zumarschiert waren.

Was also war geschehen? Es war nichts geschehen. A. D. hatte die Angst kennengelernt und das erschreckend gehobene Bewußtsein der Macht, welches ein Gewehr in der Hand verleiht. Schon war die Angst zu Ende. Eine an sich sinnlose Demonstration war geplatzt. Das einzige Wort auf den vielen Transparenten, das A. D. mit der Netzhaut erfaßte, hieß „Sozialismus“. Aber das Wort sagte ihm nichts, zumal es ihm nur darum aufgefallen war, weil eine ungefüge Hand das „z“ in diesem Wort verkehrt herum geschrieben hatte.

Wir müssen unserem A. D. wohl oder übel zubilligen, daß er vielleicht vom Tatendurst, keinesfalls aber vom Blutdurst getrieben war. Nach seiner politischen Meinung gefragt, hätte er – und hat er – damals nichts anderes geantwortet, als: „Ich bin national.“ Erst drei Jahre später kam in München ein Mann auf die Idee, das „Nationale“ solle sich mit dem „Sozialistischen“ verbinden: Adolf Hitler. Wenn dieser Mann damit einem starken Bedürfnis begegnete, so erwuchs es keineswegs aus einer ernsthaften Erkenntnis vom Wesen des Nationalen wie vom Wesen des Sozialismus. Diese Erkenntnis war verhindert worden durch das für Erkenntnisse gefährlichste aller Phänomene: durch ein geistiges Vakuum. Dieses Vakuum aber entstand in eben den Jahren, in denen der blutige Kampf des Bürgerkrieges zwischen den Nationalen und den Sozialisten ausgefochten wurde: mit dem Gewehr in der Hand von Knaben, die das Band ihrer Schülermütze nun um die Achselklappen geschlungen trugen, und in der Hand von Männern, die vom Sozialismus nichts Konkretes wußten, außer, daß die Nationalen dagegen waren.