Von Gottfried Sello

Was macht die Geige? pflegte Christian Buddenbrookseine Schwägerin Gerda zu begrüßen, wobei er "die Geige" in einem sehr weitläufigen, träumerisch verschwimmenden Sinn meinte. Ähnlich weitläufig will das Wort "Atelier" verstanden werden, das der Diogenes Verlag als Titel für seine Kunstbuchreihe wählte. Mit "Atelier" ist der wirkliche und der imaginäre Raum gemeint, in dem die Bilder entstehen, und in dem die Maler leben – Dachboden, Keller, Straße, Kneipe –, der Schauplatz geistiger und anderer Abenteuer, Auftritt und Abgang von Modellen und Musen, nächtliche Gespräche unter Freunden, Exzesse, Sensationen, Atelierklatsch, schöpferischer Rausch und Delirium.

Im Untertitel heißt die Reihe "Eine Sammimg von Dokumenten zur Kunst unseres Jahrhunderts", ein allzu nüchterner und etwas irreführender Name. Die Photos, faksimilierten Briefe, Zeichnungen, Skizzen, die den Texten reichlich beigegeben sind, dokumentieren doch wohl mehr die private, die inoffizielle Sphäre, die von den in Deutschland üblichen Kunstbüchern und Kunstbuchreihen gern gemieden oder nur am Rande gestreift wird.

Die meisten "Atelier"-Bände kommen aus Frankreich, dem klassischen Land der Intimen Tagebücher und der chroniques scandaleuses. Sie spielen auf Montmartre und Montparnasse und in Pariser Ateliers, und sie sind von französischen Autoren geschrieben, die Romanciers, Lyriker, Journalisten, Kunsthändler und vor allem Freunde oder Freundinnen der Künstler sind, über die sie schreiben. Ein Beispiel solcher intimen literarischen Lebensdokumentation, das vorläufig beste und gelungenste der ganzen Reihe, ist

Francis Carco: "Maurice Utrillo, Legende und Wirklichkeit"; Diogenes Verlag, Zürich; 212S. mit 79 Reproduktionen, 19,– DM.

Carco fing seine literarische Laufbahn als Pariser Bänkelsänger an. Als er 1958 starb, war er Mitglied der Académie Goncourt. Unbefangen beginnt er sein Buch mit einem Gedicht an den Maler: "Die öde Gasse mit den fahlen Mauern, Die Kneipen und das nasse Trottoir... Sein Herz, das müßig ist und betteln geht... An tristen Abenden..." (Die Übersetzung des Buches einschließlich der Verse stammt von N. O. Scarpl.) Es folgt, in Prosa, der Bericht über dieses armselige, schauerliche Leben.

Der junge Utrillo muß Bilder nach Postkarten malen, um sich vom Alkohol abzulenken, und verkauft diese Bilder dann für eine Flasche Rotwein. Neunmal wird er in eine Heilanstalt eingewiesen und gerät, sobald er entlassen wird, mit der Polizei in Konflikt. Rätselhaft bleibt es, daß unter solchen Umständen Kunst entstehen kann. Das Schrecklichste an dieser Biographie ist das scheinbare Happy-End in derEhe mit der fürsorgliche und ehrgeizigen Lucie Valore, in der hocheleganten Villa Le Veniset, in dem goldenen Käfig.