Die amerikanische Automobilindustrie steigt ins Kleinwagen-Geschäft ein

Von René Erbe

In diesen Tagen werden die ersten „compact cars“ der großen Drei in der amerikanischen Automobilindustrie – General Motors, Ford und Chrysler – dem Publikum vorgestellt. Diese nach amerikanischer Auffassung als „Kleinwagen“ geltenden Fahrzeuge sind zwar immer noch wesentlich größer als die meisten europäischen Mittelklassenwagen. Sie stellen aber trotzdem eine grundsätzliche Abkehr von den in den letzten Jahren im amerikanischen Automobilbau herrschenden Tendenzen dar. Statt länger, niedriger, unhandlicher, werden die Produkte der Detroiter Fließbänder wieder „vernünftiger“. Auch in der Autometropole am Michigansee scheint nun doch die Ansicht durchgedrungen zu sein, daß ein Automobil in erster Linie ein Transportmittel und nicht ein Prestige-Instrument oder ein Ventil für unterdrückten Größenwahn sein sollte.

Man muß sich darüber im klaren sein, daß die Einführung von „compact cars“ für Detroit eine Revolution bedeutet, die sich ohne weiteres mit den anderen wichtigen Marksteinen in der Geschichte des amerikanischen Automobilbaues vergleichen läßt. Manche Kommentatoren gehen sogar so weit, die Einführung des „compact car“ mit der Einführung von Fords Modell T im Jahre 1908 zu vergleichen. Am weitesten geht Chevrolet mit dem „Corvair“. Der Wagen hat einen luftgekühlten Heckmotor und unabhängige Einzelrad-Abfederung – für Europa nichts Neues, für Amerika jedoch eine Sensation. Die beiden Konkurrenzmodelle – „Valiant“ der Chryslerwerke und „Falcon“ von Ford – gehen konventionellere Wege, sind aber ebenfalls bedeutend kleiner und vor allem leichter und schwächer als die bisherigen Straßenkreuzer. Desgleichen sind in der Linienführung der Karrosserien eindeutig französische und italienische Merkmale festzustellen, insbesondere beim „Valiant“.

Marktforscher haben versagt

Wenn jemand noch vor wenigen Jahren das prophezeit hätte, was tatsächlich eingetreten ist, so hätte man ihn in Detroit mitleidig angesehen. Im Jahre 1955 beispielsweise produzierten die amerikanischen Fließbänder nahezu acht Millionen Automobile und brachten damit die Gesamtzahl der seit Kriegsende produzierten Wagen auf über 50 Millionen Stück. 1954 überschritt die Zahl der in Betrieb befindlichen Automobile zum erstenmal die Zahl der Haushalte. Die optimistischen Marktforscher und Reklameberater sahen voraus, daß in einigen Jahren jede amerikanische Familie zwei Wagen besitzen und diese jeweils nach ein bis zwei Jahren gegen ein neues Modell umtauschen werde. Es schien, daß der amerikanische Konsument mit dem Produkt, das ihm von Detroit geliefert wurde, völlig zufrieden war – hatte doch eine mehrere Millionen Dollar kostende Marktforschung gezeigt, was der Konsument wollte: Mehr Pferdestärken, mehr Chrom, längere und niedrigere Formen.

Es kam anders, als man dachte. Im Jahre 1956 fiel die Zahl der produzierten Automobile unter 6 Millionen und erholte sich auch 1957 nur unwesentlich. In jenem Jahre ereignete sich auch eine der gröbsten Fehlkalkulationen in der Geschichte der amerikanischen Automobilindustrie: Die Einführung des „Ford Edsel“. Auf Grund der bereits genannten Analyse waren die Marktforscher der Ford Motor Company zur Überzeugung gelangt, daß der Markt reif sei für die Einführung eines neuen Mittelklassenwagens (im amerikanischen Sinne). Nach einem Reklamefeldzug von ungeahnten Ausmaßen kam dann dieser Wagen auf den Markt und – wurde nicht gekauft. Die ganze Operation war ein ungeheurer Fehlschlag, der die Ford Motor Company einige Millionen gekostet hat. Es gab jedoch noch ein viel deutlicheres Zeichen dafür, daß sich neue Tendenzen auf dem amerikanischen Automobilmarkt bemerkbar zu machen begannen: Die sprungartig ansteigenden Verkäufe europäischer Wagen. Als 1955 zum ersten Male Volkswagen, Renault und englische Ford in größerer Anzahl auf den amerikanischen Highways auftauchten, sah man amüsiert auf diese „Käfer“ herunter. Auch als im Jahre 1956 nahezu 100 000 Importwagen den Weg zu amerikanischen Käufern fanden, war Detroit immer noch überzeugt, daß es sich dabei nur um einen kurzlebigen Spleen handeln könne.