Einen höchst lebendigen Anschauungsunterricht über die Methoden jener totalitären Parteiherrschaft, die das Wesen sowohl der faschistischen wie der kommunistischen Staatsgebilde ausmacht, bietet der Dokumentarbericht:

Friedrich Golbert: „Dibelius vor Gericht“; C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München und Berlin; 193 S., 9,80 DM.

Der evangelische Bischof Dr. Dibelius, der auch heute wieder im Abwehrkampf gegen militante Kirchenfeindschaft seinen Mann steht, wurde schon im Hitlerreich seiner unbeugsamen Haltung wegen hart bedrängt. Von einem Pfarrer der sogenannten „Deutschen Christen“ des Landesverrats beschuldigt, sah er sich genötigt, Verleumdungsklage zu erheben.

Die Nazi-Partei machte die Sache des Angeklagten sofort zu der ihrigen, bedrohte den Prozeßbevollmächtigten (Verfasser des vorliegenden Berichtes), versuchte, den Kläger einzuschüchtern und das Gericht unter Druck zu setzen. Nicht nur die Charakterfestigkeit der Richter, sondern vor allem der Mut Dr. Dibelius’ und noch mehr seine überlegene Intelligenz ließen damals (es war in den Jahren 1934–36) die gerechte Sache des Klägers über den Terror der Gegenseite siegen: der Prozeß endete in zwei Instanzen mit der Verurteilung des Verleumders.

Die Lektüre dieses Buches kann allen empfohlen werden, denen daran gelegen ist, sich ein klares Bild von den desolaten Zuständen jener Jahre zu machen. Wobei allerdings im Auge zu behalten ist, daß es sich um einen Zeitabschnitt handelt, in dem die Partei der Gewaltherrscher es noch nicht wagte, ihre letzte Maske fallen zu lassen. Ein paar Jahre später machte man „kürzeren Prozeß“, nämlich gar keinen – und ließ die unbequemen „Elemente“ einfach verschwinden,

Übrigens ist es auch ein Genuß, den Verhandlungsverlauf nachzulesen: Die verschiedenen ausführlichen Erörterungen, zu denen sich Dibelius genötigt sah, gehören zum Geistvollsten, was über Themen wie „Kirche und Staat“ oder „Christentum und Deutschtum“ überhaupt gesagt werden kann. Walter Abendroth