Studentenwohnheime, Wunsch und Wirklichkeit – Kritische Notizen von einer Konferenz

Darmstadt, Mitte Oktober

Der Leiter der Diskussion im Hörsaal Nummer 221 der Technischen Hochschule in Darmstadt gab ein Zeichen. Professor Fuchs, der als erster das Verbot, hier zu rauchen, vergessen hatte, balancierte’ seine just in Brand gesteckte Tabakspfeife sorgfältig auf der Tischplatte aus. Dann erhob er sich schwer und sagte etwas, was wenigstens für einen Augenblick das mit akademischem Eifer errichtete Gedankengehäuse wackeln ließ. „Was ist denn das überhaupt: Erziehungsauftrag, Bildungsauftrag der Universität?“ Die Konzepte, fügte Fuchs, Beauftragter der Westdeutschen Rektorenkonferenz für Wohnheimfragen, hinzu, wechselten seit zehn Jahren wie das Wetter.

Es sind Konzepte für Studentenwohnheime, deren es gegenwärtig knapp 250 gibt. Es sollen ihrer noch viel mehr werden. Mittlerweile freilich ist der Begriff Wohnheim mit einem neuen, bemerkenswerten Inhalt versehen worden, zu dem sich auch Professor Fuchs bekennt. Mit einem Eifer sondergleichen wird allenthalben betont, Studentenwohnheime seien primär gar keine Wohnheime. Wer daran zweifelt, kann in den Richtlinien für den Bundesjugendplan vom 16. Dezember 1958, Gemeinsames Ministerialblatt, Seite 33, nachlesen: „Studentenwohnheime dienen neben der Unterbringung vor allem dem Studium und dem gemeinschaftlichen Leben von Studierenden der Universitäten und sonstigen wissenschaftlichen Hochschulen ... Der religiösen und sittlichen Betreuung der Studierenden ist unter Wahrung der Freiheit der Gewissensentscheidung Raum zu geben.“ Schon die Diktion verrät, daß aus einer – gewiß nicht leichten – Aufgabe ein Problem gemacht worden ist. Professor Rauda aus Hannover ist gar zu dem Ergebnis gekommen – und nicht nur er –, daß Miethäuser solcherart „mehr den Kulturbauten als dem allgemeinen Wohnungsbau zugeordnet“ zu sein scheinen.

Was ein Heim sein soll

Das Wohnheim für Studenten – ein Kulturbau. Wer an eine solche Interpretation bisher noch nicht gedacht hatte, ward damit auf der Dritten Wohnheimkonferenz des Deutschen Studentenwerks in Darmstadt bekanntgemacht.

Nun, das Wohnheim ist inzwischen von Theorien, vielen guten Worten und auch einigen Erfahrungen umwoben worden. Wenn es auch der Konzepte mehrere gibt, so ist den Wohnheimexperten doch ziemlich klar, was ein Heim sein soll und was es nicht sein soll. In Göttingen hatte Professor Fuchs Anfang August vor Architekturstudenten vier mögliche Typen von Wohnheimen skizziert: 1. Das Studentenhotel; es wird allgemein abgelehnt, weil es zwar Wohnstatt, aber keine Gemeinschaft verheißt. 2. Das Wohnheim mit Konzept, das sind patriarchalisch verwaltete Häuser von konfessionellen oder anderen Vereinigungen; der eigenen Initiative der Bewohner sind Grenzen gesetzt. 3. Das Studentendorf, die Studentenstadt – in Berlin wird gerade eine gebaut – läßt noch kein Urteil zu, weil Erfahrungen fehlen. 4. Akademische Kollegien, in denen die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden Tat werden soll, mit strenger plebiszitärer Demokratie; das Soziale spielt hier kaum eine Rolle.