Am vergangenen Sonnabend fanden in Stuttgart die Weltmeisterschaften im Radball statt Auch Vertreter der DDR nahmen daran teil, und so wurde auf dem Stuttgarter Killesberg – dem Ort der Tat – die neue sogenannte Staatsflagge gehißt: Schwarzrotgold mit Hammer, und Zirkel. Zum ersten Male war diesseits der Elbe dieses Bastardsymbol zu sehen, das wenige Tage zuvor über den S-Bahnhöfen Westberlins aufgezogen, von der Westberliner Polizei eingeholt und von den Funktionären der SED wieder aufgezogen worden war.

Ein Stückchen Tuch, sonst nichts, und doch welche Wirkung! Der Stuttgarter Oberbürgermeister Klett und die Polizei forderten die Einholung der Flagge, aber der Internationale Radsportverband lehnte mit der Begründung ab, die DDR sei gleichberechtigtes Mitglied des Verbandes. Das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen, hierüber konsultiert, erklärte, der Vorfall sei bedauerlich, aber man könne da gar nichts machen. Das Bonner Bundesministerium war genau wie die einsatzbereite Landespolizei jenem Stückchen Tuch gegenüber machtlos.

Was so eine Fahne alles kann! Da ist nun jahrelang unter dem Etikett „Technische Kontakte“ zwischen Behörden der Bundesrepublik und der Zone verhandelt worden über Probleme des Verkehrs, der Binnenschiffahrt, des Interzonenhandels; die Emissäre waren da, man konnte sie sehen, ihnen zuhören, mit ihnen sprechen und doch gleichzeitig behaupten, ihre Auftraggeber seien „nichtexistent im Sinne staatsrechtlicher Konvention“. Viel schwieriger ist es aber offenbar, die Existenz einer Fahne zu leugnen – eine Tatsache, an die man bisher nicht gedacht hat. Vielleicht hat man überhaupt, den Imponderabilien in unserer handfesten, von allerlei Doktrinen beherrschten Zeit zu wenig Bedeutung beigemessen ... Symbole – was soll’s? Imponderabilien – das gab’s einmal zu Bismarcks Zeiten, aber heute?

Ja, jetzt wird uns für so manches Versäumnis die Rechnung präsentiert werden und auch für manche Inkonsequenz. Denn war es nicht inkonsequent zu sagen, daß es nur eine Repräsentation der Deutschen gibt, nämlich die freigewählte Regierung in Bonn, zugleich aber diesem Lande nicht den alten Namen Deutschland zu lassen, sondern es Bundesrepublik Deutschland (BDR) zu taufen? Republique Federal d’Allemagne oder Federal Republic of Germany – im Ausland hat man alle Mühe, die deutsche Vertretung im Telephonbuch überhaupt zu finden. Die Folge dieser Inkonsequenz: Nun gibt es eine BDR und eine DDR, während es doch hätte deutlich werden müssen, daß nur ein Deutschland und ein abgetrenntes Gebiet mit einer oktroierten Regierung existieren. Bisher – solange beide die gleiche Flagge hatten – fiel jenes Versäumnis nicht so sehr auf, aber das wird jetzt anders werden. Was so ein Stückchen Tuch nicht alles vermag... Dff.