Zwischen Moskau und Peking gibt es viele Spannungen, aber ein gemeinsames Interesse

Die Zehnjahresfeier des kommunistischen Chinas wurde im gesamten Ostblock dazu benutzt, die chinesisch-sowjetische Freundschaft möglichst eindrucksvoll zur Schau zu stellen. „Ein heldenhaftes Jahrzehnt“ war der Titel des Prawda-Leitartikels zu diesem Anlaß. In Moskau fanden Festveranstaltungen zu Ehren der „unverbrüchlichen“ und „ewigen“ sowjetisch-chinesischen Freundschaft statt. Die Prawda erklärte sogar, „die unerschütterliche Freundschaft zwischen der Sowjetunion und China ist so fest wie Granit“. Die Chinesen revanchierten sich mit immer neuen Beteuerungen der führenden Rolle der Sowjetunion. Seit Stalins Zeiten gab es das nicht mehr.

All diese Beteuerungen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die chinesisch-sowjetische Kontroverse des Jahres 1958 noch keineswegs völlig überwunden ist und daß die Meinungsverschiedenheiten, wenn auch in einer anderen Form, andauern. Die Pekinger Provokationen an der indischen Grenze und die Störmanöver gegen den Chruschtschow-Besuch in den USA sind in Moskau keineswegs positiv registriert worden.

Die große Parade

Auch beim Chruschtschow-Besuch in Peking vom 30. September bis 5. Oktober gab es manche Eigentümlichkeiten. Der Ankunftstermin Chruschtschows wurde vorher nicht mitgeteilt. Über die Verhandlungen zwischen Chruschtschow und den chinesischen Führern erschien zunächst nur eine kurze Notiz. Es hieß, ein „herzliches Gespräch“ habe stattgefunden. Beim Abschluß der Verhandlungen wurde, entgegen den sonst üblichen Gepflogenheiten, kein Kommuniqué veröffentlicht. Und die große Parade auf dem Tyan man ming, dem „Platz des himmlischen Friedens“, an der 700 000 Menschen teilnahmen – etwa fünfmal so viel, als bei ähnlichen Anlässen in Moskau – sollte offensichtlich dem sowjetischen Parteisekretär die Macht und Stärke Chinas vor Augen führen.

Chruschtschows Jubiläumsrede am 30. September in Peking ähnelte denn auch weniger einer Begrüßung als einem Schulungsvortrag. Unter offensichtlicher Anspielung auf die utopischen Pläne und Kampagnen Pekings, belehrte er die chinesischen Genossen, daß es vor allem auf den wirtschaftlichen Aufschwung und die Verbesserung des Lebensstandards ankomme. Der zukünftige Erfolg des Ostblocks solle durch einen friedlichen Wettbewerb gesichert werden, und es sei wichtig, „auch von unserer Seite alles zu tun, um den Krieg als Lösung strittiger Fragen auszuschalten“. Das System des Ostblocks „kann nicht mit Gewalt oder mit Waffen einem Volke aufgezwungen werden“. Ja, Chruschtschow ging so weit, in China, wo gegenwärtig eine hysterische anti-amerikanische Kampagne sich breitmacht, Präsident Eisenhower als einen Staatsmann zu loben, der die Notwendigkeit der internationalen Entspannung erkannt habe.

Ähnliche Thesen waren von den chinesischen Staats- und Parteiführern freilich nicht zu hören. Es fiel auch auf, daß kein Jubiläums-Artikel von Mao, Liu-Schao-tschi oder Tschu Enlai in der Prawda erschien. Das sowjetische Zentralorgan beschränkte sich auf die Veröffentlichung eines Artikels Teng-Hsiao pings, des formellen Generalsekretärs der KP Chinas, der sich während der gesamten Volkskommunen-Kampagne im Hintergrund gehalten hatte. Aber selbst dieser Artikel dürfte den Prawda-Redakteuren manche Kopfschmerzen bereitet haben. Teng-Hsiao ping bekannte sich zwar wiederholt zur „führenden Rolle der Sowjetunion“ im Ostblock, er schwieg sich aber aus über die Chruschtschow-These vom friedlichen Wettbewerb und auch über dessen Reise in die USA. Dafür lobte er die in Moskau unpopulären Volkskommunen, prangerte Rechtsopportunisten an und feierte die chinesische Revolution als „integralen Bestandteil der proletarischen Weltrevolution“.