Das Traurigste an der „traurigen Posse“, die Heinz von Cramer für eine Gemeinschaftsproduktion des Bayerischen Rundfunks und des Rias Berlin geschrieben hat, ist zweifellos, daß sie so gar nicht ausgedacht ist und das Ende ihrer Aktualität sich einstweilen nicht absehen läßt. „Die Ohrfeige“, um die es sich in diesem Hörspiel dreht, ist ja tatsächlich gegeben worden; und was sich an sie anschloß in der noch nicht lang verflossenen Wirklichkeit, was ähnlich sich bei anderen Gelegenheiten hier und dort begeben hat, war so beschaffen, daß man dem Dichter des vorliegenden Heldensanges nicht wird nachsagen können, er habe die Dinge willkürlich in ein böswillig entstellendes, tendenziöses Licht gerückt. Die Sendereihe, in deren Rahmen die Tragikomödie ausgestrahlt wurde, nennt sich „Deutsche Gegenwartsgeschichte im Hörspiel Was in dem Stück passiert, ist schnell erzählt.

Ein „Generalsprozeß“ wühlt in dem braven Bankangestellten Friedbert Taube gräßliche Erinnerungen auf: an jenen Tag des Frühjahrs 1945, da der bewußte General einen verlorenen, von seinem Leutnant bereits einsichtigerweise illegitim entlassenen „Haufen“ zu letztem, sinnlosem Widerstand im Zweifrontenkampf zwang, wobei die armseligen Landser bis auf zwei zugrunde gingen, Herr General aber Luft bekamen, um sich planmäßig abzusetzen, sogar in Zivil. Friedbert Taube wird nun von rasendem Verlangen gepackt, die toten Kameraden zu rächen. Ein wahrer Vergeltungsrausch überwältigt ihn. Er meldet sich als Belastungszeuge und versetzt der gewesenen Exzellenz auf offener Straße eine Ohrfeige.

Die geduckte Subalternität seiner Vergangenheit, die inzwischen Gewohnheit gewordene Gleichgültigkeit seiner kleinbürgerlichen Gegenwart sind verflogen. Ein Rausch bewußten Heldentums erfüllt ihn, und er rühmt sich laut seines Rächeramtes – mit dem Erfolg, daß seine Vorgesetzten aufhorchen und ihn in die Zange nehmen. Sie waren ja alle „auch Offiziere“ und wissen, daß Friedbert ein hundsgemeiner Verleumder ist. Wehe ihm, wenn er es wagen sollte... Schon in der Nacht vor der Gerichtsverhandlung muß der Gute seinen Mut aus alkoholischer Quelle speisen. Es wird eine entnervende, aufreibende Nacht, der furchtbare Ernüchterung folgt. Vor das existentielle Nichts gestellt und von einer ganzen Garnitur erstklassig-militärfachmännischer Gegenzeugen eingeschüchtert, kann er, der entscheidende Kronzeuge, sich plötzlich an nichts mehr so recht erinnern. Den an sich selbst verzweifelnden, Feigling aber feiern seine befriedigten Vorgesetzten als Vorbild mutiger Wahrheitsliebe. Er darf weiter Bankbeamter bleiben und wird sogar noch mit Beförderung nebst Gehaltszulage belohnt. Der Autor als Regisseur vermied jede Übertreibung. Um so bedrückender war die Wirkung der Sendung, die mit Günther Lüders in der Hauptrolle keinen spannungslosen Moment aufkommen ließ. Aber auch auf die Resonanz des sehr ernst gemeinten Mahnrufes darf man gespannt sein; geht es doch dabei nicht so sehr um die postume Korrektur überwundener Vergangenheit als um die Frage des guten Willens zu einer besseren Zukunft. Walter Abendroth

Jeder Theaterkritiker Londons scheint zu glauben, er könne so etwas auch machen, wenn er sich nur nach dem Diner aufs Sofa legt und nachdenkt, und ich scheine der einzige zu sein, der es nicht kann.“ Der dies von Oscar Wildes Komödien sagte, war Shaw. Die Feststellung, aus nichts etwas gemacht zu haben, gilt auch von vielen Werken des eleganten Stückeschreibers Noel Coward – von der Komödie „Intimitäten“, die der Südwestfunk als Fernsehspiel brachte, aber bestimmt nicht. Hier wurde aus nichts nichts.

Mit „Nude with Violin“ hatte vor einigen Jahren eine laxere Periode bei dem beängstigend produktiven Bühnen-, Operetten-, Revue-, Filmautor und Komponisten begonnen, der von den fiskalisch weniger gefährlichen Bermuda-Inseln der Stadt London, dem Ort seines frühen Ruhms, alljährlich mit einem neuen Stück seinen Tribut entrichtet. Obwohl „Intimitäten“ zwischen den Kriegen geschrieben worden ist, scheint das Stück fast den Endpunkt eines der erfolgreichsten Boulevardautoren zu bezeichnen. Von Pointen, mit denen wie mit Ping-Pong-Bällen gespielt wird, ist hier auch nichts zu merken. Satire, Gesellschaftskritik, vorgetragen mit pikanter Lässigkeit? Ermüdend wirkt diese „Liebesgeschichte“ im Viereck vom Sichwiederfinden zweier geschiedener Ehegatten während ihrer Hochzeitsreise mit neuen Partnern. Was auf der Bühne vielleicht noch amüsant scheinen kann, weil man dort bei Prügelszenen doch etwas mehr bedenken muß, wirkte auf dem Fernsehschirm platt. Zuerst glaubte man, die Darsteller Gundel Thormann, Erwin Strahl, Bruni Löbel und Karl Schönböck parodierten Schnulzen, aber wer kann schon Szenen parodieren, in denen „Honig aus jeder Stunde gesogen wird“, und wo Sätze vorkommen wie: „Du siehst so gut aus in diesem gottverdammten Mondlicht.“

Zugegeben, manches wäre sogar aus der etwas groben Übersetzung des von allen „fröhlichen Geistern“ (um einen großen Erfolg von Coward zu zitieren) verlassenen Bruno Frank bei einer anderen Besetzung zu holen gewesen. Doch so quälte sich der Dialog von einer Platitüde zur anderen. Nur eine Rolle traf den spritzigen Ton eines gutkonfektionierten Gesellschaftsstücks: Sie wurde von der Ansagerin Ursula von Manescu! gespielt – das Stubenmädchen, das ganze zehn Sätze zu sagen hat. Günther Specovius