H.P.G., Montevideo im Oktober

Die sieben südlichen Staaten Lateinamerikas (Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Paraguay, Peru und Uruguay) sind auf der ersten „Konferenz zur Bildung einer Freihandelszone“ in Monte-, video noch nicht zur Unterzeichnung eines Abkommens, sondern erst eines Vorvertrages gelangt. Anfang Februar nächsten Jahres soll die Konferenz wieder zusammentreten, und zwar unter Federführung der Außenminister. Vorher soll Anfang Dezember in Montevideo eine Konferenz führender Beamter der sieben Staatsbanken stattfinden. Sie wird sich mit der „Form der Zahlungen“ unter den Vertragsstaaten befassen. Diese Frage bereitet große Schwierigkeiten, weil Brasilien – im Gegensatz zu den anderen Staaten – noch die „dirigierte Wirtschaft“ mit einer Unzahl von Wechselkursen aufrechterhält.

Obwohl Brasilien an der Formulierung des Vertragsentwurfs entscheidend mitwirkte, vereitelte es überraschend dessen definitive Unterzeichnung im jetzigen Augenblick. Die brasilianische Delegation erklärte, der Vertrag sei von solcher Bedeutung, daß nur die Außenminister ihn unterzeichnen dürften. Tatsächlich scheinen nationalistische Kreise den Abschluß des Vertrages als Argument in den bevorstehenden brasilianischen Stadt-und Präsidentschaftswahlen benutzen zu wollen. Aber auch ein Teil der Industriellen aus São Paulo, zu denen der neue Außenminister Horacio Lafer selbst gehört, übten einen starken Druck gegen die sofortige Unterzeichnung des Abkommens aus, wie überhaupt die Industrie aller beteiligten Länder nicht frei von der Furcht ist, der Konkurrenz aus Nachbarländern zu erliegen.

Wenn auch das endgültige Vertragswerk wider Erwarten auf der Konferenz in Montevideo noch nicht unterzeichnet wurde, betrachtet man es doch als einen Erfolg, daß die Regierungen die „Freihandelszoneim Prinzip billigten. Man wurde sich darüber einig, daß die südamerikanischen Länder nur die Wahl haben, „im Wirtschafts-Nationalismus zu ersticken oder die freie Luft des gemeinsamen Marktes zu atmen“, als dessen Vorzimmer die Freihandelszone bezeichnet wurde.

Die wirtschaftliche Integration wird in Südamerika schon seit 1955 diskutiert. Ihre Verwirklichung wird aber hier noch schwieriger sein als in Westeuropa. Der Handel unter den südamerikanischen Staaten macht nur 10 v. H. des Gesamtexports aus. Die Zollsysteme – soweit von Systemen überhaupt die Rede sein kann – sind sehr unterschiedlich, und die wirtschaftliche Entwicklung variiert nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der südamerikanischen Länder stark.

Die Integration ist aber für Südamerika eine Lebensfrage. Dieser in 20 abgekapselte Wirtschaftsräume zersplitterte „balkanisierte“ Halbkontinent wird wirtschaftlich und politisch von den wirtschaftlichen Großräumen (USA, EWG, Ostblock und China) völlig an die Seite gedrängt werden, wenn es ihm nicht gelingt, selbst zu einem Großraum zu werden Ein Zusammenschluß ist schon wegen der Zunahme der Bevölkerung unerläßlich. Sie soll in den nächsten 20 Jahren von 193 auf 300 Millionen Menschen steigen (um 67 v. H.). Wenn die (Agrar-) Produktion in den kommenden 20 Jahren nur so langsam wächst wie in der Vergangenheit, könnten in dieser Zeit nur weitere 5 Millionen in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden. Nur durch eine ausgewogene sinnvolle Industrialisierung des Halbkontinents könnte eine chronische Arbeitslosigkeit katastrophalen Ausmaßes vermieden werden.

Wie z. B. die Erfahrungen in der brasilianischen Automobil-Industrie zeigen, läßt sich eine wirkliche Industrialisierung nicht auf nationalstaatlicher Basis verwirklichen. Die „Freihandelszone“ ist für die brasilianische Automobil-Produktion ein geradezu akutes Erfordernis. Brasilien hat 1958 etwa 61 000 Automobile hergestellt; jetzt schon hat es Schwierigkeiten, sie auf dem eigenen Markt unterzubringen. Dabei soll die Produktion nach den ursprünglichen Plänen bis 1960 auf 170000 Einheiten im Jahr gesteigert werden.

Der interkontinentale Handel Südamerikas aber konzentriert sich vor allem auf land- und viehwirtschaftliche Produkte. Da die Produktion der gemäßigten Zone sich mit der aus der tropischen ergänzt, ist die „Integration“ auf diesem Gebiet am nächstliegendsten. Das große Hindernis für die notwendige Steigerung der Agrarproduktion liegt in der extensiven Viehwirtschaft, die auf den Latifundien Südamerikas betrieben wird. Auf der Konferenz in Montevideo wurde immer nieder die Forderung nach Technisierung und Intensivierung der Agrarproduktion erhoben. Ob sie ohne Agrarreform, welche die in vielen südamerikanischen Staaten zur Macht gelangten konservativen Regierungen ablehnen, durchführbar ist, bleibt eine offene Frage.