Die amerikanische Norm ist für die meisten Entwicklungsländer unerreichbar – Zu einer aufschlußreichen Untersuchung

„Unterentwickelte Länder, underdeveloped countries – was ist das eigentlich?“ Diese aktuelle Frage stellt der bekannte Nationalökonom Prof. Edgar Salin in einem jetzt in der internationalen Zeitschrift für Sozialwissenschaften „Kyklos“ (1959/3) erschienenen Aufsatz. Der Verfasser wischt alle abgedroschenen Begründungen der Entwicklungshilfe vom Tisch und stellt einige Fakten klar, die vielen bekannt sind und die wenige aussprechen – ganz einfach deswegen, weil eine verwaschene Ideologie auch auf diesem Gebiet dazu geführt hat, daß es sogar Mut dazu braucht, beinahe selbstverständliche Tatsachen beim Namen zu nennen. – In den großen Konzernen der westlichen Industriewelt werden kaum „humanitäre“ Überlegungen angestellt, wenn es um die Finanzierung von Krediten an Entwicklungsländer geht. Um so größere Aufmerksamkeit wenden die Verkaufsabteilungen der Umsatzausweitung zu, die in Asien, Afrika, Süd- und Mittelamerika möglicherweise zu erzielen ist. Zwischen dem, was Marxisten den „ideologischen Überbau“ nennen, und der Wirklichkeit bestehen also in diesem Falle offenbar noch große Unterschiede. In seiner Untersuchung versucht Edgar Salin, diese Kluft zu überbrücken.

Es gibt Völker, die es als Kränkung empfinden, wenn man ihr Land als „unterentwickelt“ bezeichnet. Die Kränkung wird durch den Ausdruck „Entwicklungsländer“ zwar beseitigt, aber auf Kosten der Klarheit des Begriffs: Es ist noch lange nicht gesagt, daß ein unterentwickeltes Land sich immer in Entwicklung befindet oder entwickeln wird. Bestenfalls läßt sich sagen, daß es ein potentielles Entwicklungsland ist. Es gibt auch bei den Menschen von Natur aus Schwachbegabte. Sollte das wirklich bei Ländern anders sein, sollten wirklich alle unterentwickelten Gebiete das Zeug in sich haben, um das Klassenziel, um die „Norm“ zu erreichen?

Die USA überall das Vorbild

Das ist unwahrscheinlich. Salin weist darauf hin, daß es auch in allen Groß- und Kleinstaaten unterentwickelte Gebiete gibt. In den USA sind sowohl Alaska wie Alabama unterentwickelt im Vergleich zu New York, Texas und Kalifornien; in Großbritannien gibt es notorische „depressed areas“; Süditalien ist unterentwickelt im Vergleich zur Lombardei; Bayern gegenüber dem Ruhrgebiet; der französische Midi im Vergleich zu Lothringen und zum Pas de Calais. „Aber wenn es selbst innerhalb der Staaten höher und weniger entwickelte Gebiete gibt – wo steht dann. geschrieben, daß jeder Staat, selbständig geworden, zur höchsten Entwicklungsstufe prädestiniert ist?“

Es gibt offenbar verschiedene Grade der Entwicklung. Über die Stufe, die ein Staat erreicht, entscheiden nicht nur technische und politische, sondern auch natürliche Elemente. Diese Tatsache wird heute nicht nur in vielen Entwicklungsländern übersehen, sondern sie wird liebedienerisch auch in den entwickelten Ländern unterschlagen – von allen, die politisch im trüben fischen oder die kurzfristig gewinnreiche Geschäfte machen wollen.

Was aber ist die „Norm“, die alle Entwicklungsländer meist uneingestanden anstreben? Mustert man die bedeutendsten Projekte, die in Venezuela oder in Pakistan, in Ägypten oder in Brasilien, in Burma oder in Portugal verfolgt werden – in weit auseinanderliegenden und sehr verschieden gearteten Entwicklungsländern –, so stehen überall im Vordergrund: Staudämme, Bergwerks, Werften usw. Alle Entwicklungsländer streben die Industrialisierung an, worunter überall eine bestimmte Art von Industrialisierung verstände! wird.