Oft fehlen aber die Voraussetzungen dazu, und es wird für eine Fata Morgana eine Werft oder ein Stahlwerk gebaut. Nachträglich stellt sich heraus, daß gar keine ausreichenden Aufträge für Schiffs- oder Tankerbauten zu erhalten sind, oder daß es für den Stahl an Abnehmern fehlt. Woher bezieht man diese Fata Morgana? Salin macht wahrscheinlich eine richtige psychologische Überlegung wenn er feststellt, daß hier der vermeintliche Gegner zum Vorbild wird: Die Norm ist nicht Industrialisierung schlechthin, sondern eine Industrialisierung nach dem amerikanischen Vorbild. Die Zerrbilder des Amerikanismus, die heute in China, an den Wänden kleben, dürfen darüber nicht hinwegtäuschen. In Sowjetrußland, wo bereits ein enormer wirtschaftlicher Fortschritt realisiert ist, kann man es schon wagen, das Vorbild zu nennen: "Bis zum Jahre X die Vereinigten Staaten auf allen Gebieten zu überholen", ist das jetzt dort ausgesprochene Ziel.

Die USA liefern die angestrebte "Norm". Nun lassen sich zwar durchaus unterschiedliche Stufen der Entwicklung unterscheiden; aber es läßt sich kein Gesetz nachweisen, wonach jedes Land die Einbahnstraße von der Haus- über die Stadt- zur Volkswirtschaft, oder von der Natural- über die Geld- zur Kreditwirtschaft, oder aus primitiven Verhältnissen über Feudalismus zu Kapitalismus zu verfolgen hätte. Die feudalistische Stufe ist von großen Teilen der Vereinigten Staaten, die Stufe des Kapitalismus ist von Sowjetrußland übersprungen worden. Es ist nicht einzusehen, weshalb sich in den heute unterentwickelten Ländern nicht ähnliche Sprünge wiederholen sollten. Hier stellt sich die Frage, welche Länder in der Lage sind, diese "Entwicklungssprünge" zu vollziehen. Die Fähigkeit dazu hängt von verschiedenen Faktoren ab: von den Bodenschätzen, von der Größe, dem Arbeits- und Sparwillen der Bevölkerung sowie von zahlreichen subjektiven und irrationalen Komponenten.

Wichtige Voraussetzungen

Was die Bodenschätze anbetrifft, so gibt es Länder wie beispielsweise Jordanien –, in denen beim heutigen Stand der Technik keine innere Möglichkeit zur Industrialisierung besteht, und daher eine Modernisierung der Landwirtschaft das wichtigste Mittel zur Erhöhung des Sozialprodukts darstellt. Solchen Ländern, Zonen bleibenden Agrikulturstandes, stehen Zonen einer potentiellen Industrialisierung gegenüber. Darüber entscheiden neben der Größe der Bevölkerung in erster Linie deren Arbeits- und Sparwille. "Es ist sehr zweifelhaft", bemerkt Salin, "ob es außer Israel und Portugal heute unterentwickelte Gebiete gibt, welche diese entscheidenden Aufbaukräfte besitzen."

Die Folge ist, daß in vielen Entwicklungsländern die Freiwilligkeit durch Zwang ersetzt wird, um das Ziel zu erreichen. Sowjetrußland und China sind nicht nur um ihrer politischen Ideologie willen autoritär regiert, sondern weil nur der Zwang den vollen Arbeitseinsatz und die Kapitalbildung sichert.

Irrationale Faktoren spielen eine wichtige Rolle im Prozeß der Entwicklung. So geht der Wunsch nach Selbstbestimmung oft mit dem Traum der Industrialisierung einher. Der Grund der Unterentwicklung wird dann nicht in wirtschaftlichen Verhältnissen (wie dem Fehlen von Rohstoffen und Kapital) gesehen, sondern erscheint als Schuld der Regierung – einer fremden: Die Unterentwicklung wird zur Folge des "Kolonialismus" gestempelt, obwohl durch den Übergang zur Selbstregierung das Entwicklungspotential oft verringert wird. In manchen Fällen besitzt aber eine unterentwickelte Region, wenn sie in ein größeres Staatsgebilde integriert ist, wesentlich günstigere Entwicklungsmöglichkeiten.

Durch Zwang zur "Norm"