Von Otto F. Beer

Man spricht im Theaterjargon gerne vom Wallenstein eines großen Schauspielers oder eines Starregisseurs. Daß es eigentlich um Schillers „Wallenstein“ geht, fällt ohnedies kaum jemandem ein. In Wien spricht man zur Zeit nicht von Baisers Wallenstein, auch nicht von demjenigen Lindtbergs, sondern schlicht von „Häussermann Wallenstein“. Daß die herbstliche Eröffnungsvorstellung des Burgtheaters nicht dem Mimen und nicht dem Spielleiter zugeschrieben wird, sondern dem neuen Theaterdirektor, hat seinen guten Grund. Es bedeutet für ihn eine gewonnene Schlacht. Eine Schlacht, in der es um den Gedanken des Ensembletheaters ging.

Wien hat eine ungewöhnlich dürftige Saison hinter sich, eine Periode des Improvisierens, des Übergangs. Schon im vergangenen Herbst stand fest, daß Adolf Rott seinen Posten als Leiter des Burgtheaters verlassen und Ernst Häussermann sein Nachfolger sein würde. Häussermann schied daraufhin aus seiner mit Franz Stoß ausgeübten Doppeldirektion in der Josefstadt, war dem Titel nach noch als „Konsulent“ dieses Theaters tätig, bereitete sich aber bereits auf seine neue Aufgabe vor. In den beiden größten Theatern Wiens wußte man zeitweise nicht, wer nun für was verantwortlich war. Man „überbrückte“. Es war eine Saison, die es nicht gab.

Die neue Spielzeit warf ihre Schatten in großen Pressekonferenzen voraus. Sowohl der neue Burgtheaterdirektor als auch der nunmehr alleinige Beherrscher der Josefstadt, Franz Stoß, entwickelten weitreichende Programme. 1959/60 sollte alles gutmachen, was 1958/59 unterlassen worden war. Ein Konzept wurde sichtbar. Vor allem aber ging es immer wieder um die alle Bühnen in allen Ländern bewegende Frage, wie das Theater halbwegs der Auflösung des Ensembles durch Gastspielreisen und Filmengagements steuern könnte.

Für Häussermann, der als junger Schauspieler an der Burg begonnen hatte, wurde daraus eine Herzenssache: nicht nur der Ensemblegeist sollte gestärkt werden, sondern auch jene alte Übung des Burgtheaters, selbst kleine Rollen glanzvoll zu besetzen.

Der erste Versuch führte zu der bekannten Panne mit Käthe Gold. Der Zwischenfall hätte vielleicht weniger große Schlagzeilen geliefert, wäre er nicht so unverständlich brüsk provoziert worden. Ohne mit dem Direktor oder dem Regisseur Willi Schmidt irgendeine Aussprache zu suchen, erschien Käthe Gold am achten Probentag von Pirandellos „Sechs Personen“ nicht mehr im Theater, sondern schickte einen Brief: sie lege die Rolle der Mutter nieder, und kündige ihren Vertrag. Gerade bei einer so ernsten und Starallüren abholden Künstlerin wie ihr war man verblüfft. So hatte Häussermann, als er auf seinem Standpunkt beharrte, Presse und öffentliche Meinung fast ganz hinter sich.

Der Konflikt ist ja indessen beigelegt worden, Frau Gold bleibt im Verband des Burgtheaters und spielt demnächst „durchaus im Sinne des Ensemblegedankens“ eine Episodenrolle in der Camus-Dramatisierung der Dostojewskijschen „Dämonen“.