Von Dieter E. Zimmer

Die Handlung ist verfänglicher kaum denkbar: Ein vierzigjähriges Ungetüm, das sich Humben Humbert nennt, liebt kleine Mädchen – er nennt sie Nymphchen – in der Knospenzeit ihrer Entwicklung; liebt sie verschämt, brutal, hoffnungslos, so sehr, daß er die Mutter eines Nymphchens heiratet, um der zwölfjährigen Tochter nahe sein zu können. Ein Autounfall räumt die Mutter zufällig, aber zur rechten Zeit aus dem Weg, und in jahrelanger Fahrt durch die Vereinigten Staaten, von Hotel zu Motel, von Kinosaal zu Milchbar, genießt Humbert Humbert mit seiner Lolita eine ausschweifende, leidenvolle „Parodie des Inzests“. Ein anderes Ungetüm von noch perverserer Veranlagung raubt sie ihm im Ende, und als „H. H.“ dann vor Gericht steht, ist es nicht wegen Verführung Minderjähriger oder wegen Vergewaltigung, sondern wegen des Mordes an dem nach jahrelanger Suche aufgespürten Rivalen. Und nochmals Ironie: Nach Abschluß seiner Memoiren und kurz vor der Verhandlung stirbt er an Koronarthrombose. Dies ist der Inhalt des Romans von

Vladimir Nabokov: „Lolita“, übertragen von Helen Hessel, Maria Carlsson, Gregor von Rezzori, H. M. Ledig-Rowohlt; Rowohlt Verlag, Hamburg; 447 S., 20,– DM.

Ein Buch mit einer Geschichte. Der Russe Vladimir Nabokov (jeder der beiden Namen ist auf der zweiten Silbe zu betonen), den die Zeitläufe nach Amerika verschlagen haben, wo er bereits einige englische Romane geschrieben hat und seit vielen Jahren Professor für europäische Literatur an der hochangesehenen Universität Cornell ist, beginn mit der Niederschrift im Jahre 1949. Als das Manuskript fünf Jahre später fertig wurde, wollte sich kein Verleger dafür finden: in einem Land, wo noch einige Bücher von D. H. Lawrence nicht gedruckt werden dürfen und die Postverwaltung vor einigen Jahren die „Lysistrata“ des Aristophanes beschlagnahmte, war das Risiko eines Prozesses zu groß.

Ein Verlagslektor, so berichtet Nabokov, schlug vor, Humbert Humbert in einen homosexuellen Farmer zu verwandeln, der in einer Scheune einen zwölfjährigen „Lolitus“ verführt – Homosexualität ist nämlich literaturfähig, berichtet Nabakov nach trüben Erfahrungen, nicht aber Nymphchen-Liebe, glückliche Ehen zwischen Weißen und Schwarzen oder – der ruhige Lebensabend eines Atheisten.

Schließlich erschien „Lolita“, etwas deplaciert, im Pariser Verlag Olympia-Press, der in dem Ruf steht, in erotischen Dingen nicht zu engherzig zu verfahren. Da jedoch britische Familienväter das gefährliche Buch in Frankreich einkauften, wurde es auf den Einspruch des britischen Foreign Office hin auch in Frankreich verboten.

Es folgten Jahre unterirdischen Ruhmes, wie ihn lange Zeit Joyces „Ulysses“ oder mancher Roman von D. H. Lawrence genossen hatte.