Von Johannes Jacobi

Zwei Erstaufführungen in deutscher Sprache, die am Ende der Berliner Festwochen standen, verliefen überraschend und aufschlußreich. Im Schillertheater startete das jüngste Stück von Tennessee Williams: „Süßer Vogel Jugend.“ Trotz einem Vitalismus non plus ultra, trotz effektsicherer Mache des Autors herrschte eine Temperatur wie im Kühlhaus. Tags zuvor war dagegen im Renaissancetheater ein Stück, das gar keins ist, mit stillem Leuchten aufgegangen: szenisch arrangierte Liebesbriefe, die zwischen dem Dichter Bernard Shaw seit seinem 56. Lebensjahr mit der um neun Jahre jüngeren Schauspielerin Stella Patrick Campbell gewechselt worden sind.

„Geliebter Lügner hat der Bearbeiter, der Amerikaner Jerome Kilty, der in Berlin auch Regie führte, diese Szenenfolge nach einem Briefzitat genannt.

Die kaum beschreibliche Bezauberung des Zuschauers war auch das Verdienst von Elisabeth Bergner. Seit Kriegsende konnte man diese Schauspielerin in Deutschland mehrmals wiedersehen. Doch stets mußte die Erinnerung an die Rollen ihrer Jugend ein wenig nachhelfen. Der süße Klang ihrer Viola und Rosalinde, der ruppige Charme ihrer Heiligen Johanna (Shaw) und die Reinheit im scheinbar Lasziven ihrer Alkmene (Giraudoux) – es schien von dort keine Brücke zu führen zur Selbstmörderin in der „Tiefen blauen See“ (Rattigan) oder zur rauschgiftsüchtigen Mutter in „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ (O’Neill).

Nun aber ist ein Wunder geschehen. Als „Mrs. Pat“, als Shaws Freundin, die von dem Ironiker schwärmerisch seine Stella stellarum genannt wird, ist Elisabeth Bergner plötzlich dieselbe, die sie einst war. Nach fünf Minuten hat man ihr Lispeln vergessen. Nervös spielen ihre Arme wieder mit den Gewändern. Knabenhaft wie einst springt die Stirn hervor über einem nun ganz weiblichen Körper. Sie kokettiert, wie es der Text verlangt, mit ihrem Alter und bestätigt durch ihre Erscheinung, durch den frischen, spröden Klang der Stimme, daß sie für den Dichter immer jünger wird. Als Mrs. Pat neunundvierzig war, schrieb Shaw für sie die Eliza Doolittle. Unvorstellbar für den Autor, daß seine Stella das junge Mädchen („Pyggmalion“) aus Altersgründen etwa nicht spielen könnte. Und sie spielte es, nachdem er es ihr vorgemacht hatte.

Sie haben viel miteinander gestritten, der Dichter und die Schauspielerin. Sie haben sich gekränkt und beschimpft. Ergreifend bleibt die immer inniger werdende Lebensmelodie. Aus den „erotischen Spielereien eines Löwen ohne Begier“ ist eine Sternenfreundschaft geworden. O. E. Hasse macht das als GBS völlig glaubhaft. Er verzichtet auf jede Andeutung der Shaw-Maske. Doch der trockene Ton und der rasche Witz des Schauspielers Hasse sind vom Geiste Shaws.

Wie war dieser stürmische Theatererfolg möglich? Er setzt wieder einmal alle Regeln außer Kurs. Die beiden Darsteller treten an einem alten Schreibpult und einem Tische auf. Sie sprechen das Publikum erläuternd an. Zunächst lesen sie vor, lösen sich dann zu freiem Spiel und kehren wieder zu den Originalmanuskripten zurück. Nur zwei Szenen scheinen von Kilty eingefügt worden zu sein: Stellas Unterweisung im vulgären Cockney-Englisch für die Eliza und im zweiten Teil ihre Beschwerde über die Orinthia-Rolle. Hier witterte die Freundin eine Indiskretion, weil sie ihren privaten Verkehr mit dem Verfasser des „Kaisers von Amerika“ bloßgestellt wähnte. Das meiste andere entspricht, wenn auch pointiert und gerafft, dem wegen seiner Meisterlichkeit schnell berühmt gewordenen Briefwechsel (der vollständig in einer deutschen Ausgabe von Hermann Stresau vorliegt).