Von Walter Jens

Der Romancier unserer Tage entwirft das Mosaik der Gruppenseele und des Kollektivs; Dinge und Menschen haben die gleiche Funktion: Steinchen zu sein, zarte Partikel, hergeweht aus der Zeit, hingestreut in den Raum. Wo sind die Helden geblieben, die großen einzelnen von gestern, die Stechlin und Meister, die Rubempré und Swann? Allein die Ironie gedenkt der Glücklichen jener versunkenen Welt, in der das Individuum noch im Zentrum des Alls stand, mit Wehmut und Rührung.

So wäre er wirklich gestorben, der "positive Held", den zumal klerikale Beschwörung und soziale Emphase so gern ins Leben zurückrufen möchten? Oder schläft er nur den winzig-weißen Schlaf, der nötig ist, um ihn von den Schatten des Gestern zu lösen? Fast scheint es, als gewahre man, hier und dort, bereits die Züge eines neuen Heldentyps – der des kleinen Mannes, der klug und sachlich stolz und nüchtern, pfiffig und entschlossen ist.

Die Enaks-Söhne jedenfalls, die Riesen des vergangenen, viel geschmähten Jahrhunderts, sind tot. Nur selten noch verirrt sich einer von ihnen, vom Atem des Alters erweckt, in unsere Zeit. Wie lange schon sind wir keinem solchen Giganten wie Fabrizio Corbera, Fürst von Salina, begegnet, dem Helden eines ganz erstaunlichen Buches:

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: "Der Leopard", übertragen von Charlotte Birnbaum; Piper Verlag, München; 316 S., 16,80 DM.

Der Leopard ist das Wappenbild Fabrizios, Symbol seiner Wildheit und Macht: er selbst, der Fürst von Salina, ist das letzte große Raubtier einer Wüste, in der es nur noch Hyänen und Schakale gibt. Über 300 Seiten hinweg beherrscht Corberas Gestalt jede Zeile dieses Romans, sein Atem gibt den Sätzen Stoßkraft und Wucht, sein beweglicher Geist, der verwöhnte, Sinn eines Gourmets, spielt mit den Worten, wendet sie und fügt sie neu, als wären es Bälle vor den Tatzen eines Leoparden. Alles, was geschieht, geschieht im Namen des Fürsten. Die beiden Kapitel, in ~~~~ er abwesend ist, zeigen seine Größe nun ~~~ deutlicher; denn selbst sein Spiegelbild ist ~~~ fach gebrochen, lebendiger als die Taten ~~~ von ihm fixierten Umgebung.

Niemand entzieht sich ungestraft dem ~~~ kreis dieses bärtigen Vulkans (auch der ~~~~~ nicht; wehe, wenn er sich kommentierend vordrängt!), der Eleganz seines Geistes, der Wildheit seiner Lust und der Zyklopenwucht seines Leibes. Don Fabrizio ist groß und böse zugleich. Mit zarter Hand, voll unendlicher Sanftmut, handhabt er, dem die Sterne und Tiere näher sind als die Menschen, in seinem Observatorium die Geräte der Astronomie; doch in der nächsten Sekunde gibt er, als ein blitzesprühender Zeus, dem Zürnen freien Lauf, kehrt sich voll Verachtung von einer Welt der Händler und Betschwestern ab, spricht mit der Dogge Bendicò und frönt der Lust mit Mariannina, die er mit einem Hund in seidenen Unterröcken vergleicht.