r. g., Stuttgart

Einer Stuttgarter Familie verschlug es kürzlich den Appetit, Als sie im Garten um die offene Suppenschüssel saß, fiel aus luftiger Höhe etwas in die Suppe. „Taubendreck“, konstatierte die Hausfrau, und voller Empörung rief sie bei der Stadtverwaltung an: Es müsse endlich etwas gegen die Taubenpläge unternommen werden.

Der Beamte, an den die Hausfrau appellierte, fragte zurück, woher denn die Tauben gekommen seien. „Von der Dachrinne des Hauses“, war die Antwort. „Und wer füttert die Tauben dort?“ erkundigte sich der Beamte. – „Wir natürlich, die armen Tiere können einem ja leid tun.“

Zwiespalt der Gefühle: Die Tauben, die in ganten Schwärmen auf Straßen und Plätzen, selbst auf dem Bahnhof nach Futter suchen, wecken einerseits die tätige Liebe zur Kreatur, andererseits sind sie ein Ärgernis, weil sie die Gebäude verschmutzen. Auch der Stuttgarter Gemeinderat und die Stadtverwaltung blieben von diesem Zwiespalt der Gefühle nicht verschont. Die Stadtväter konnten sich gegen die Klage der Einwohner nicht taub stellen, aber sie mußten auch an den Tierschutzverein und den Bund gegen den Mißbrauch der Tiere denken. Wie sehr die Stadtväter um eine Entscheidung rangen, ist daraus zu ersehen, daß seit dem ersten Federstrich in dieser Angelegenheit fast ein volles Jahr verstrich, ehe es den Tauben tätsächlich an die Federn ging.

Man fragte die Landwirte, den Haus- und Grundbesitzerverein, die Stuttgarter Siedlungsgesellschaft, die Verwaltung eines städtischen Krankenhauses, das kommunale und das staatliche Liegenschaftsamt, das Staatliche Amt für Denkmalspflege, das Evangelische Dekan-Gesundheitsamt, das Chemische Untersuchungsamt, den Regierungsveterinärrat, den Vieh- und Schlachthof. Keiner ließ eine gute Feder an den Tauben nur die drei Vereinigungen zum Schutz der Tiere, von denen eine allerdings eine kontrollierte Dezimierung doch für vertretbar hielt.

Um ganz sicher zu gehen, erkundigten sich die Stuttgarter auch in anderen Städten, wie dort mit den Tauben verfahren werde. Sie schickten Briefe nach München, Augsburg, Essen, Köln, Hannover, Frankfurt, Nürnberg, Hamburg und Innsbruck. Schließlich wandten sich die Stadtväter sogar an den Magistrat der klassischen Taubenstadt Venedig; von dort erfuhren sie freilich, daß ihre italienischen Kollegen nicht die Absicht hatten, gegen die Tauben vorzugehen, weil diese Tiere zum Stadtbild gehörten. Schließlich aber schritten die Stuttgarter zur Tat. Der Gemeinderat beschloß, nach dem Ablauf der Brutzeit „Maßnahmen zu ergreifen“.

Seit voriger Woche sind nun die Taubenfänger von Stuttgart unterwegs: sechs Polizeibeamte in Zivil mit einem Taubenfachmann. Sie führen drei Fanggeräte mit sich, überdimensionale Mäusefallen. Die jeglichen Argwohns baren Tauben werden durch ausgestreutes Futter angelockt, und – schnapp – fällt die Klappe zu. Etwa hundert Tauben sollen täglich gefangen werden. Die Taubenfänger arbeiten im übrigen – wie in Hamburg – unter Ausschluß der Öffentlichkeit: im ersten Morgengrauen, wenn noch kein tierliebender Bürger unterwegs ist.

Das Schicksal der gefangenen städtischen Tauben: Die gesunden Tiere werden geschlachtet und verspeist. Gegen Taubenbraten hat bisher außer den Vegetariern noch niemand protestiert.