hst Hagen

Der General Kammler war ein sturer Mann. Mit dem war schwer zu reden.“ Dies erzählte am Montag der Angeklagte Johann Miesel (45), ehemaliger Sturmbannführer und Ia-Offizier der SS-Division z. V. vor dem Schwurgericht in Hagen. Dort ist an diesem Tage der Warsteiner Prozeß wieder angelaufen, der schön in den Monaten Dezember 1957 und Januar 1958 das Schwurgericht in Arnsberg (Sauerland) beschäftigte und zu Urteilen führte, die als zu milde im In- und Ausland kritisiert wurden. (Siehe auch DIE ZEIT Nr. 50 vom 12. Dezember 1957, Nr. 1 vom 2. Januar 1958, Nr. 8 vom 20. Februar 1958 und Nr. 12 vom 20. März 1959.) Damals hat die Arnsberger Staatsanwaltschaft Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof übergab das Verfahren dem Schwurgericht in Hagen.

Das ganze Verfahren muß – einschließlich der umfangreichen Zeugenvernehmungen – neu aufgerollt werden. Anlaß des Verfahrens war die Erschießung von 129 Männern, 77 Frauen und zwei Kindern, meist russischen Fremdarbeitern und ihren Angehörigen, im März 1945 in der Gegend von Warstein (Sauerland) durch Soldaten und SS-Leute der Division z. V. Die Fremdarbeiter waren den SS-Leuten als „potentielle Plünderer“ verdächtig. Daraufhin befahl der Kommandeur der Division, General der Waffen-SS Dr. Kammler: „Dezimieren, kräftig dezimieren...“ Die Russen wurden dann unter dem Vorwand, sie kamen in bessere Unterkünfte, zu den Exekutionsplätzen gelockt.

Miesel, der Ia der Division, und der Hauptangeklagte Wolfgang Wetzling (50), damals SS-Obersturmbannführer und Oberfeldrichter, sahen darin einen bindenden Befehl. Das Schwurgericht in Arnsberg sprach nach 21 Verhandlungstagen folgende Urteile: Wetzling – 5 Jahre Gefängnis; Miesel – Einstellung des Verfahrens; Klönne – ein Jahr und sechs Monate Gefängnis.

Wetzling hätte die Erschießungen geplant, Miesel war an der Durchführung beteiligt, Klönne hatte sich, obwohl gar nicht zu der betreffenden Einheit gehörig, freiwillig zur Verfügung gestellt,

Miesel, der in Arnsberg kaum etwas gesagt hat, gibt sich jetzt recht gesprächig. Und aus dem, was er am ersten Verhandlungstag erzählte, ist durchaus zu entnehmen, daß Kammler nicht sofort bei Nichtbefolgen eines Befehls erschießen ließ. Außerdem verschwand Kammler sofort nach seinem „Kräftig dezimieren“, und ward nie mehr gesehen. Und schließlich hat der Oberzahlmeister Schulz, auf den auch in diesem Prozeß gewiß wieder die Rede kommen wird, die Ausführung eines Erschießungsbefehls kurzerhand abgelehnt.

Noch ist juristisch zwar alles offen, weil es sich um ein vollkommen neues Verfahren handelt. Aber Angeklagte und Rechtsanwälte sagen selbst, daß der Tatbestand schon in Arnsberg genau geklärt wurde.