Das ausländische Interesse an britischen Werten ist sprunghaft gestiegen

R. N., London, im Oktober

Noch nie hat in der Geschichte der Londoner Börse der Ausgang einer Parlamentswahl solche Kauforgien ausgelöst wieder überwältigende Sieg der Konservativen. Gleich einem Orkan fegte die Hausse durch die Throgmorton Street. Auf fünf Jahre hinaus ist nun das Risiko von Verstaatlichungen, Kapitalgewinnsteuern und Dividenenbeschränkungen gebannt. Nachdem Meinungsforscher noch bis in die letzten Stunden glauben machten, daß die beiden großen Parteien im Endspurt Kopf an Kopf lägen, ist Labour entscheidender geschlagen worden, als es die City in ihren kühnsten Hoffnungen für möglich gehalten hätte. Die Stock Exchange setzte zu einem Boom von geradezu dramatischen Ausmaßen an.

Obwohl die Kurse schon in den vorausgegangenen acht Tagen – nach langem Hin- und Herpendeln – von Rekord zu Rekord geklettert waren, steigerte sich, das Umsatzvolumen am Freitagmorgen bei frenetischem Käuferansturm um nicht weniger als 800 Mill. Pfund oder mehr als 9 Mrd. DM. Die Stahltitel, denen ein Regierungswechsel die erneute Nationalisierung beschert hätte, haussierten bis zu 35 v. H.; zeitweilig waren die Jobber dabei derart von den Maklern umdrängt, daß sie jeglichen Kontakt miteinander verloren und zu Preisen abgaben, die der Nachbar im gleichen Augenblick bereits um 10 bis 15 v.H. heraufgesetzt hatte.

Kaum ein Verlierer

Zwar konnte die kurzfristige Spekulation im späteren Verlauf nicht länger der Versuchung zu Gewinn-Realisierungen widerstehen; schon zur Mittagsstunde schlug der Trend infolgedessen betont nach unten um. Kurz vor Geschäftsschluß rollte dann jedoch eine neue hohe Nachfragewelle an. Verstärkt zum Zuge kamen jetzt die ausländischen Anleger, und so Verblieben als Tagesnettogewinne noch immer rund 600 Mill. Pfund oder gut 7 Mrd. DM. Der vor acht Monaten mit dem 1959er Tief von 213 ausgewiesene Financial-Times-Index war um die Rekordsumme von 16 Punkten oder nahezu 7 v. H. auf 285 geklettert – seit dem 30. September um nicht weniger als 14 v. H. Abgesehen von amerikanischen Valoren und kanadischen Bankaktien, denen das Schwinden der hier für nordamerikanische Wertschriften üblicherweise zu zahlenden Dollarprämie zu schaffen machte, gab es in den ganzen Listen kaum einen Verlierer. Profitiert hatten von der allseitigen Hochstimmung Staatsanleihen.

Niemand konnte indessen voraussagen, was der Montag bringen werde. Freilich ließen sich die massiven Gewinne von Freitag nicht allein aus dem allgemeinen Aufatmen erklären, mit dem man an der Börse die Hoffnung erfüllt sah, daß das Tory-Regime die sechziger Jahre mindestens einleiten werde. Ganz allgemein wandelt sich das Renditendenken des Marktes, die konjunkturellen Aussichten dürfen als ausgesprochen gut gelten, zumal sich angesichts der Gewißheit einer Macmillan-Regierung auch die industrielle Investitionstätigkeit wieder beleben dürfte. Vermutlich werden die Unternehmer vor allem in der Stahlindustrie zu einer liberaleren Ausschüttungspolitik übergehen. Nach wie vor haben die Anleger guten Grund, optimistisch zu sein, zumal die in Aussicht stehende Reform der Trustee Act den bislang auf das Anleihe-Investment beschränkten Treuhändern eine etwa hälftige Verlagerung ihrer umfangreichen Fonds auf erstklassige heimische Industrie-Aktien zugestehen wird.