Politiker aus Passion

London, im Oktober

Der glücklichste Mann nach den englischen Wahlen ist – neben dem triumphierenden Kabinett der Konservativen – zweifellos der fast legendär gutaussehende Führer der Liberalen, Jo Grimond. Er ist der Typ des unbestechlichen, durchsichtig klaren, ernsthaften Mannes, dessen Erscheinen auf dem Fernsehschirm sogar die Sekretärinnen im konservativen Hauptquartier an ihren politischen Überzeugungen zweifeln läßt. Er denkt, was er sagt, und was er denkt, sagt er auch. Und er hat Erfolg damit: Seine Partei eroberte bei den letzten Wahlen doppelt soviel Stimmen wie 1955. (1,5 Millionen gegenüber 0,7 Millionen.) Sogar die Berufsskeptiker in London fragen sich, ob nicht eines Tages die Liberalen die Labour Party vom Platz der radikalen Opposition im englischen Unterhaus verdrängen werden.

Die liberalen Führer sind davon überzeugt, daß sich ihre neuen Anhänger in der Hauptsache aus jungen ehemaligen Labour-Wählern rekrutieren. Jahrzehntelang hatte es den Anschein, als ob die Labour Party die Liberalen – einst eine der beiden großen Parteien des Landes – langsam aber sicher aufs Altenteil abdrängte. Jetzt sieht es umgekehrt so aus, daß manchen Engländern die Labour Party mit ihren sozialistischen Dogmen und Plänen zu altmodisch geworden ist und ihnen die Liberalen mit ihrem jungenhaften Führer Jo Grimond wesentlich moderner erscheinen.

Freilich sollte man den Erfolg der Liberalen nicht überschätzen. Nach wie vor hat die ganze Parlamentsmannschaft der Partei in einem einzigen Taxi Platz. Trotz der 1,5 Millionen Stimmen sind nur sechs Liberale ins Unterhaus eingezogen, weil das englische Mehrheitswahlrecht die großen Parteien begünstigt. Doch: So klein Jo Grimonds Mannschaft auch ist, stellt sie doch ein ernstes Problem für die Labour Party dar. Wenn Grimond weitere Wähler abzieht, und wenn er sich weiter als potentieller Führer der sogenannten "Radikalen" präsentiert, vergrößert sich für die Labour Party die Gefahr des Zwei-Frontenkrieges, die sich auf der einen Seite gegen die Liberalen und auf der anderen Seite gegen die Konservativen zur Wehr setzen müssen. Wenig erfreuliche Aussichten für den nächsten Wahlkampf der Labour Party.

Jo Grimond ist einer der wenigen "Amateur-Politiker" in England – ein Umstand, der wohl auch seinen Erfolg erklärt, denn offensichtlich haben manche englischen Wähler die Berufspolitiker satt. Er ist charmant, hat selbstverständliche Würde und Sicherheit im Auftreten – kurzum er ist genauso, wie sich die Inselbewohner einen richtigen Engländer vorstellen. Eine verwegene Stirnlocke sichert ihm im übrigen die Sympathien einer nicht unbeträchtlichen Zahl von weiblichen Wählern.

Sein politisches Credo: Grimond hält die Gewerkschaften für zu mächtig und die Verteidigungspolitik der Konservativen für absurd. Das Suez-Abenteuer war seiner Meinung nach eine Katastrophe. Er ist der Ansicht, daß England die H-Bombe abschaffen sollte, und daß der Hauptkampf gegen den Kommunismus sich in den nächsten zehn Jahren in Afrika abspielen werde.

Grimond ist in Schottland als Sohn eines wohlhabenden Jutefabrikanten geboren. Er besuchte die Schule in Eton und ein College in Oxford. Niemals kam es ihm in den Sinn, etwas anderes als ein Liberaler zu werden. Im Jahre 1935 nahm er zum ersten Male aktiv am Wahlkampf teil. Zu jener Zeit galt er schon als ein vielversprechender junger Mann, der es in jedem Metier zu etwas bringen könne. Ehe er jedoch noch eine Karriere einschlagen konnte, kam der Krieg.

Politiker aus Passion

1938 hatte Grimond in eine der letzten großen liberalen Dynastien eingeheiratet. Seine Frau, eine Asquith, Tochter von Lady Violet Bonham Carter, sieht genausogut aus wie er selbst, und sie ist, wie manche glauben, sogar noch etwas klüger als Grimond. Nach sechs Kriegsjahren zurückgekehrt, kandidierte er 1945 fürs Parlament, wurde aber glatt geschlagen; erst im zweiten Anlauf, 1950, eroberte er sich seinen Sitz im Unterhaus.

Damals schien die Liberale Partei in ihren letzten Zügen zu liegen. Ihr Führer war alt und galt als überständig und altmodisch; allmählich kam der junge Grimond als sein Nachfolger ins Gespräch. Niemand beneidete ihn darum, denn Führer der Liberalen zu werden, lockte niemanden.

Unmittelbar vor der Suez-Krise nahm Grimond die Zügel der Partei in die Hand. Alles spielte sich in einer einzigen Woche ab: Er kam aus den USA zurück, übernahm die Partei und brachte sie in schärfste Oppositionsstellung zur Suez-Politik der Regierung. Die Politik schien ihm unbändiges Vergnügen zu machen. Kaum war das Suez-Abenteuer zu Ende, setzte er sich hin und arbeitete ein Parteiprogramm aus. Er legte dabei die Liberalen, die bisher teils nach links, teils nach rechts orientiert waren, endgültig auf einen Linkskurs fest. Einige alte Parteigrößen waren zwar entsetzt darüber, aber viele junge Leute begannen Grimond und seine winzige Mannschaft mit neuem Interesse zu beobachten.

Der Wahlbezirk des jetzt 46jährigen Grimond – eine kleine Inselgruppe – liegt weit im Norden Englands und fast außerhalb des Londoner Gesichtskreises. Dort lebt er mit seiner Familie in einem Landhaus. Er muß riesige Entfernungen zurücklegen – im ersten Jahr sind es 100 000 km gewesen –, um seinen Pflichten als Unterhausabgeordneter nachzukommen. Die Abgelegenheit seines Wahlkreises, so behaupten seine Gegner und Kritiker, sei für die politische Position Grimonds viel bezeichnender als der romantische Glanz, der ihn jetzt umgebe. Sie glauben und hoffen, daß Grimond und seine Partei nur ein Sammelpunkt für die Unzufriedenen seien, und daß die Liberalen ihren größten Erfolg schon hinter sich hätten. Aber darüber ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen.

Einstweilen gibt es in England nur wenige Leute, die nicht zugeben, daß Grimonds persönlicher Aufstieg ein Glücksfall für das politische Leben in England ist. Michael Davie