1938 hatte Grimond in eine der letzten großen liberalen Dynastien eingeheiratet. Seine Frau, eine Asquith, Tochter von Lady Violet Bonham Carter, sieht genausogut aus wie er selbst, und sie ist, wie manche glauben, sogar noch etwas klüger als Grimond. Nach sechs Kriegsjahren zurückgekehrt, kandidierte er 1945 fürs Parlament, wurde aber glatt geschlagen; erst im zweiten Anlauf, 1950, eroberte er sich seinen Sitz im Unterhaus.

Damals schien die Liberale Partei in ihren letzten Zügen zu liegen. Ihr Führer war alt und galt als überständig und altmodisch; allmählich kam der junge Grimond als sein Nachfolger ins Gespräch. Niemand beneidete ihn darum, denn Führer der Liberalen zu werden, lockte niemanden.

Unmittelbar vor der Suez-Krise nahm Grimond die Zügel der Partei in die Hand. Alles spielte sich in einer einzigen Woche ab: Er kam aus den USA zurück, übernahm die Partei und brachte sie in schärfste Oppositionsstellung zur Suez-Politik der Regierung. Die Politik schien ihm unbändiges Vergnügen zu machen. Kaum war das Suez-Abenteuer zu Ende, setzte er sich hin und arbeitete ein Parteiprogramm aus. Er legte dabei die Liberalen, die bisher teils nach links, teils nach rechts orientiert waren, endgültig auf einen Linkskurs fest. Einige alte Parteigrößen waren zwar entsetzt darüber, aber viele junge Leute begannen Grimond und seine winzige Mannschaft mit neuem Interesse zu beobachten.

Der Wahlbezirk des jetzt 46jährigen Grimond – eine kleine Inselgruppe – liegt weit im Norden Englands und fast außerhalb des Londoner Gesichtskreises. Dort lebt er mit seiner Familie in einem Landhaus. Er muß riesige Entfernungen zurücklegen – im ersten Jahr sind es 100 000 km gewesen –, um seinen Pflichten als Unterhausabgeordneter nachzukommen. Die Abgelegenheit seines Wahlkreises, so behaupten seine Gegner und Kritiker, sei für die politische Position Grimonds viel bezeichnender als der romantische Glanz, der ihn jetzt umgebe. Sie glauben und hoffen, daß Grimond und seine Partei nur ein Sammelpunkt für die Unzufriedenen seien, und daß die Liberalen ihren größten Erfolg schon hinter sich hätten. Aber darüber ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen.

Einstweilen gibt es in England nur wenige Leute, die nicht zugeben, daß Grimonds persönlicher Aufstieg ein Glücksfall für das politische Leben in England ist. Michael Davie