Am 20. Februar 1958 haben wir uns, meine verehrten Leser, an dieser Stelle schon einmal über die Reichsbank-Anteile unterhalten, also über ein Kapitel, das zu den traurigsten im Wertpapier-Bereich der Nachkriegsgeschichte gehört. Im kommenden Frühjahr würden es 15 Jahre sein, seitdem die Besitzer der Reichsbank-Anteile auf eine gerechte Abfindung warten. Notwendig dafür ist ein Bundesgesetz, über das nun schon seit Jahren gestritten wird. Mit der Verschleppung der Abfindungsfrage hat der Gesetzgeber Wasser auf die Mühlen derjenigen geleitet, die behaupten, daß nach den Nachkriegserfahrungen der Staat als der schlechteste Schuldner zu gelten und daß er infolgedessen bei Anleihen auch einen höheren Zinsfuß zu zahlen hat als die Wirtschaft, die ihre Nachkriegsverpflichtungen relativ rasch liquidierte. Aber jetzt scheint man auch bei den Reichsbank-Anteilen den entscheidenden Schritt tun zu wollen. Der neue Vorsitzende des „Wirtschaftspolitischen Ausschusses“ des Bundestages, Kurt Schmücker, hat angekündigt, daß sein Ausschuß den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Abfindung der Reichsbank-Anteilseigner wieder behandeln will. Es besteht also Aussicht auf eine endgültige Regelung, wenn nicht unerwartet die Mehrheit des Bundestages neue Schwierigkeiten machen sollte.

Nach dem Regierungsentwurf sollen für je 100 RM Reichsbank-Anteile (für 150 Mill. RM gibt es) Genußscheine der Bundesbank im Nennwert von 66,67 DM ausgegeben werden. Diese Genußscheine sind rückwirkend ab 1. Januar 1958 mit 6 v. H. (tarifbesteuert) zu verzinsen und in zehn Jahresraten zu 150 v. H. zu tilgen. Das bedeutet in der Praxis, daß eine Umstellung der Anteile im Verhältnis 1:1 erfolgt.

Wir wollen hier nicht die lange Geschichte verfolgen, die zu diesem Gesetzentwurf geführt bat und auch nicht die Forderungen wiederholen, die von dem Reichsbank-Ausschuß (er repräsentiert die Reichsbank-Anteilseigner) erhoben worden sind. Mir erscheint es viel wichtiger, daß man untersucht, ob in dem gegenwärtigen Kurs für die Reichsbank-Anteile noch Chancen vorhanden sind.

Rechnen wir also wieder: Für einen Anteil der Reichsbank über nom. 100 RM gibt es einen Genußschein der Bundesbank zu 66,67 DM (also eine Zusammenlegung im Verhältnis 3 : 2). Der Genußschein wird mit 6 v. H. verzinst, und zwar seit dem 1. Januar 1958 (so sieht es der Gesetzesentwurf vor). Er enthält also für zwei Jahre Zinsen, sechs v. H. auf 66,67 DM = ca. 8 DM. Damit ist er zunächst einmal 74,67 DM (66,67 DM + 8 DM Zinsen) wert. An der Börse zahlt man aber einen Preis von rund 93 DM. Warum der „Überpreis“? Er erklärt sich aus dem Umstand, daß der Genußschein nicht zum Ausgangsbetrag von 66,67 DM getilgt, sondern zu 100 DM zurückgenommen wird. Wenn man will, kann man den Genußschein deshalb als ein vierprozentiges tarifbesteuertes Papier betrachten, denn die Zinsen werden auf 66,67 DM berechnet, während das Stück eines Tages 100 DM wert sein wird.

Nun die Renditerechnung: Wer heute zu 93 v. H. einen Reichsbank-Anteil erwirbt, bekommt dafür ein Papier, auf das jährlich 4 DM Zinsen gezahlt werden. Er kann 8 DM als aufgelaufene Zinsen abziehen und von 85 DM dann die Rendite ausrechnen: 4,9 v. H. Das ist kein sehr interessanter Satz, wenn man berücksichtigt, daß man 5prozentige Papiere mit 91 bis 93 v. H. kaufen kann, mit ihnen also eine Rendite von 5,4 v. H. erzielt. Die Reichsbank-Anteile werden erst durch die Tilgung chancenreich. Mit ihr soll Anfang 1960 begonnen werden. Wessen Stück deshalb schon im kommenden Frühjahr zurückgenommen wird, kann folgende Rechnung aufmachen: Einstandspreis 93 DM (zuzüglich Spesen). Zinsen per 31. Dezember 1959 = 8 DM, Tilgungsbetrag 100 DM, also zusammen 108 DM. Es liegt eine „Marge“ von 15 Punkten „drin“.

Aber wie steht es, wenn die Rückzahlung erst nach fünf Jahren erfolgt? An später glaubt ohnehin niemand, weil man sicher ist, daß die Bundesbank bestrebt sein wird, die Angelegenheit möglichst schnell zu bereinigen. Es wird gemunkelt, daß schon 1960 ein hoher Prozentsatz der Genußscheine getilgt werden soll.

Aber auch bei einer Tilgung nach fünf Jahren erscheinen die Reichsbank-Anteile nicht ohne Reiz. Läßt man die aufgelaufenen Zinsen von 8 DM außer Betracht, dann kommt man, wie wir, meine verehrten Leser, schon ausgerechnet haben, auf eine Rendite von 4,9 v. H. Sie erhöht sich um den Rückzahlungsaufschlag auf 7,9 v. H. jährlich, wobei der Tilgungsgewinn von 3 v. H. steuerfrei ist.