„Das Totenschiff“ oder die Aptraumfabrik

Da ein Mädchen im nächtlichen Hafen von Antwerpen im Zeitraffertempo den amerikanischen Seemann Gale (Horst Buchholz) nicht nur um sein angestautes Liebesbedürfnis, sondern heimlich auch um die ganze Heuer und, schlimmer noch, um seine Papiere erleichtert, ist die Ausgangssituation recht unerquicklich. Sie erinnert an den Schuster Wilhelm Voigt im „Haupmann von Köpenick“, der keine Papiere bekommen kann, weil er keine Arbeit hat, und der nicht eingestellt wird, weil er sich nicht ausweisen kann.

Soweit, so gut. Aber Gale, der einige Zeit zwischen Nordholland und Südfrankreich vagabundiert und einmal für eine Liebesaffäre sogar Gefühle (statt Geldscheine) aufwendet, geht in Marseille wieder an Bord – und der Film damit mit Siebenmeilenstiefeln in die Domäne des Thrillers. Auf der verkommenen „Yorikke“ sieht man lauter Männer mit zwielichtiger oder dunkler Vergangenheit, und das „Totenschiff“ ist dazu ausersehen, eines Tages mit betrügerischem Effekt zu sinken: Die Ware, die nichts wert, aber hoch versichert ist, soll der Reederei eine Riesensumme einbringen. An Bord lautet übrigens eine Inschrift:

„Wer hier eingeht,

Des Nam und Sein ist ausgelöscht,

Er ist verweht...“

So feierlich könnte man eigentlich ins Land der Tragödie, nicht des Reißers fahren. Aber Menschenschinderei, Gemeinheit, Bosheit, Tücke, lauernde und offene Verbrechen bestimmen die Atmosphäre bis zum Schiffsuntergang und bis zum Tode aller – nur Gale treibt beim unhappy end, an ein paar Planken gebunden, auf dem Meere, und selbst er noch völlig hoffnungslos.