Von Wolfgang Löhde

In Moskau fegte ein eisiger Wind den ersten Schnee durch die undichten Ritzen der Fensterrahmen meines Zimmers im Hotel Metropol am Swerdlow-Platz.

Zur gleichen Zeit sprach Chruschtschow bei strahlendem Sonnenschein im grauen Sommeranzug vor den Arbeitern von Wladiwostok und erklärte, daß die USA 150 Jahre benötigt hätten, um den heutigen Lebensstandard zu erreichen, wogegen das fleißige russische Volk das gleiche in den letzten 40 Jahren bewältigt hätte.

Ich schaute mich in meinem Zimmer um: die großen Seidenschirme auf den Nachtischlampen, die armdicken hölzernen Gardinenstangen, und unten im Speiseraum der neckische Springbrunnen mit Kind, in der Tat: hier sind wirklich drei Generationen in 40 Jahre zusammengepreßt.

Im Hotel Metropol und den drei oder vier anderen Intouristhotels in Moskau wird zum exorbitant teuren Abendessen ab 21 Uhr bis Mitternacht auch westliche Tanzmusik geboten.

Just an diesem Abend wirbeln einige Paare besonders emsig um die dicke Messingstange des Springbrunnens in der Mitte der Tanzfläche zu den heißen Tönen des Tiger Rag. Ein junger Mann mit engen Hosen, Ringelsöckchen und Cäsarenhaarschnitt reißt seine gefährlich schöne Partnerin durch mehrere Runden. Ein Russe versucht, es dem Gast aus dem Westen gleich zu tun. Die halsbrecherischen Verrenkungen dieses Paares werden aber schon nach den ersten Drehungen durch den herbeieilenden Geschäftsführer untersagt, Der Russe, auf das westliche Paar weisend, protestiert. Als der Geschäftsführer durch einen Kellner Schützenhilfe erhält, schieben sie den aufbegehrenden Genossen von der Tanzfläche.

So blieb das „westliche Paar“ allein im Rennen und konnte die ungeteilte Aufmerksamkeit stummer Bewunderer auf sich vereinen. Mit einem Übersoll an Wirbeln auf dem Schlagzeug und auf dem Parkett endete der Tanz. Bester Laune, jedoch nicht ohne im sächsischen Dialekt eine Bemerkung über die Unfreiheit der Russen zu machen, ging das „westliche Paar“ an meinem Tisch vorbei und nahm wieder Platz an der großen Tafel der ostdeutschen Delegation. Dort feierte man mit Krimsekt und russischem Kaviar den 10. Jahrestag der DDR-Gründung im allgemeinen und die Eröffnung des DDR-Pavillons auf der Moskauer Industrie- und Landwirtschaftsausstellung im besonderen.