Der uralte Bernard Berenson, Herr der sagenhaften Villa I Tatti in Settignano, höchste Autorität in allen Fragen italienischer Kunst, Nestor der Kunstexperten in aller Welt, eine Florentiner Sehenswürdigkeit ersten Ranges, ist in der vergangenen Woche gestorben. Erstaunlich ist seine Karriere, erstaunlich seine Lebensleistung, die mit der Summe der von ihm verfaßten Bücher auch nicht im mindesten identisch ist.

Daß heute die amerikanischen Museen und Privatsammlungen zahlreiche und bedeutende Werke der italienischen Renaissance besitzen, ist ihm zu danken – oder auch nicht zu danken. Er hat dreißig Jahre lang mit dem größten Kunsthändler unseres Jahrhunderts, mit Lord Joseph Duveen zusammen gearbeitet, der die Museen und Häuser der Millionäre in den USA mit den großen Objekten belieferte. Berenson begleitete den Kunsthändler auf seinen Reisen durch alle Kontinente, und mit dem untrüglichen Instinkt für Werte sagte er ihm, was er kaufen sollte. Erst wenn er die Bilder, expertisiert hatte, konnte Duveen sie seinen amerikanischen Kunden anbieten.

Ein Hauptwerk von Sassetta (1392–1451), die „Verherrlichung des heiligen Franz“ (heutiger Wert etwa 500 000 Dollar) entdeckte der junge Berenson in einem italienischen Trödlerladen, Seine eigene Sammlung italienischer Kunst, vor allem aber seine 50 000 Bände umfassende Kunstbibliothek hat er der Harvard-Universität vermacht, an der er vor mehr als 70 Jahren promovierte.

Berenson wurde am 26. Juni 1865 in Litauen geboren. Die Eltern wanderten nach Amerika aus, wo der ungewöhnlich begabte Junge erst in Boston die Latin School und später die Harvard-Universität besuchte. 1888 kam er zuerst nach Italien. Seit 1900 lebte er in seiner Villa bei Florenz. Aber noch mit 90 Jahren reiste er nach Sizilien und Nordafrika. Berenson war Ehrenbürger von Florenz, Ehrendoktor der Universitäten Paris und Florenz, Ehrenpräsident der Internationalen Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst, Mitglied von zahllosen Akademien und Vereinigungen.

Das Buch, das 1895 seinen Ruf begründete, war eine Monographie über Lorenzo Lotto. Es galt seitdem als Fundament der Lorenzo-Lotto-Forschung. Das Werk ist 1957, nach der großen Lotto-Ausstellung in Venedig, in dritter Auflage und in deutscher Übersetzung erschienen. Im Vorwort bemerkt der Verfasser: „Ich habe eine geradezu physische Abneigung gegen das Lesen von etwas, das ich selber geschrieben habe, und tatsächlich habe ich im Verlauf von 50 Jahren das Buch über Lotto nur selten aufgeschlagen und auch dann nur, um eine bestimmte Stelle nachzusehen. Ich fürchtete, das Buch würde mich mit seiner urteilslosen jugendlichen Begeisterung ärgern und langweilen. Als ich es nun gezwungenermaßen noch einmal im ganzen las, war ich überrascht, wie wenig zu widerrufen oder über Bord zu werfen war.“

Auch sein Hauptwerk, „Die italienischen Maler der Renaissance“, hat der Phaidon-Verlag 1954 neu herausgebracht, und es gilt immer noch als ein Standardwerk wie das Werk seines Generationsgenossen Max J. Friedländer über die niederländische Malerei. Es ist ein großer Wurf, auch wenn manche Urteile antiquiert anmuten und die auf Burckhardt fußende Tendenz, Raffael als den Gipfel und das Ziel der ganzen Renaissance aufzufassen, unseren Anschauungen nicht mehr entspricht.

Berenson überschätzt wohl auch die „tastbaren Werte“ der Form gegenüber der Farbe. Entscheidend aber ist seine Grundkonzeption, die mit beneidenswerter Eindeutigkeit den Sinn der Kunst als ästhetisches Genießen definiert und alle Versuche, die Kunst in umfassendere, religiöse, soziale, metaphysische Zusammenhänge einzuordnen, als müßige Spekulationen abtut. Mit dem gleichen genießenden Kennerblick haben die Fürsten der Renaissance, hat Lorenzo Medici die Werke der Künstler betrachtet.

So sahen ihn die anderen: als unerhört erfolgreichen Mann, als qualifizierten Genießer. Wie hat Berenson sich selber gesehen? Sein „Entwurf zu einem Selbstbildnis“ – in vielen Sprachen und 1953 auch in deutscher Übersetzung (im Insel-Verlag) erschienen – hat die unerbittliche und grausame Schärfe des Selbsturteils, die wir von den Selbstporträts uralter Maler kennen: Skepsis, Bitterkeit, Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung. Die beiden Bildnisse lassen sich nicht ganz zur Deckung bringen. Das Selbstbildnis überlagert und modifiziert die Vorstellung vom fröhlichen Genießer. Und in den verschwimmenden Konturen entschwinden Gesicht und Gestalt des alten Bernard Berenson im Zwielicht der Legende. g. s.