Lehren – auch für die SPD – aus der Niederlage der Labour Party

Ein schweizerischer Journalist hat kürzlich festgestellt, die englischen Wahlen hätten seine Landsleute viel mehr interessiert als die Neubestellung ihres eigenen Nationalrats, die am letzten Oktobersonntag stattfinden wird. Auch in der Bundesrepublik ist das Ergebnis des britischen Urnengangs mit einem Interesse aufgenommen und diskutiert worden, das nicht allein müßiger Neugier entspricht und auch keineswegs nur den weltpolitischen Konsequenzen gilt. Offenbar empfindet man auch in Deutschland – wie überhaupt im kontinentalen Westen –, daß es bei der Entscheidung der Engländer um mehr ging als um die Frage, wer für die nächsten fünf Jahre in London regieren solle.

Zum erstenmal in der modernen britischen Parlamentsgeschichte hat das alte Gesetz des Pendelschlags versagt, nach dem keine Regierung hoffen konnte, ihre Mehrheit für mehr als zwei Legislaturperioden des Unterhauses zu halten. Das deutet nicht nur auf eine (halb unbewußte) Verschiebung der politischen Struktur, sondern auch auf Wandlungen der politischen und sozialen Psychologie hin, die kein insulares, sondern ein europäisches Phänomen ist Man kann sich die Dinge natürlich sehr einfach machen. Man kann sagen, daß die Konservativen mit ihrem Schlachtruf „Es ging euch nie so gut wie heute“ den Nagel auf denKopf getroffen hätten und daß die Briten genau wie die Deutschen eben „keine Experimente“ wünschten, solange sie im Wohlstand leben.

Das ist sogar zweifellos richtig. Die Hochkonjunktur macht einer Opposition – und ganz besonders einer Opposition von links – das Leben gewiß nicht leichter. Wer im Galopp dem Ziele höheren Lebensstandards zustrebt, empfindet kaum das Bedürfnis, auf ein anderes Pferd umzusatteln. Das war 1953 und 1957 in der Bundesrepublik so, und das hat sich vor einer Woche in Großbritannien wiederum bestätigt.

Und doch, meine ich, bietet diese Feststellung keine ausreichende Antwort auf die Frage, warum die deutschen Sozialdemokraten und die britischen Labour-Leute eine Niederlage nach der anderen einstecken müssen. Wenn nämlich wirklich in einer Zeit wirtschaftlichen Wohlergehens die sozialistischen Parteien keine Aussicht haben, an die Macht zu gelangen, dann bedeutet das doch nichts anderes, als daß sie in der Tat nur noch eine „Schlechtwetter-Partei“ sind.

Das Bild der neuen Gesellschaft

In der Vergangenheit war dies keineswegs so: In der Weimarer Republik hat die deutsche Sozialdemokratie einen ihrer größten Wahlerfolge im Konjunkturfrühling 1928 errungen. Im wilhelminischen Kaiserreich reflektierte die Bewegung ihrer Stimmen durchaus nicht die Ausschläge des ökonomischen Barometers. Und Labour hat 1945 nicht deshalb zum ersten und einzigen Male in der Geschichte eine absolute Mehrheit eingeheimst und Churchills Tories trotz der ungeheuren Popularität des siegreichen Premiers in die Wüste der Opposition verbannt, weil die Wähler über die Entbehrungen der Kriegszeit erbittert gewesen wären, sondern weil eine Grundwelle der Sehnsucht nach sozialer Erneuerung durch die Insel lief.