Von Kurt Krüger

Ich weiß, daß ich aus Gründen des Taktes die Existenz weiblicher Schnarcher leugnen muß. Es gibt nur schnarchende Männer. Aber ich habe den Verdacht, daß sie einen Geheimbund bilden, obwohl ich nicht beweisen kann, daß sie Aufnahmeprüfungen veranstalten, bei denen Tonbandgeräte und Phon-Meßapparate über die Leistungen der Anwärter und damit über ihre Mitgliedschaft in der exklusiven Schnarchergemeinde entscheiden.

Auf den ersten Blick scheinen die Möglichkeiten, Erfahrungen über Schnarcher zu sammeln, sehr gering. Obgleich die fortschreitende Entwicklung gewisse kollektivistische Tendenzen zeigt, ist das Schlafen Immer noch keine öffentliche Angelegenheit geworden. Während des Krieges habe ich erstmalig in militärischen Unterkünften erfahren, was schnarchen heißt. Trotz der großen Zahl der hier vereinigten Schnarcher und ihrer allnächtlichen Störungen blieben meine Beobachtungsergebnisse spärlich.

Das Militärwesen hat nämlich in weiser Rücksicht auf die unausbleibliche Durchsetzung mit notorischen Schnarchern eigene Lebensformen entwickelt, die binnen weniger Tage die absolute Unempfindlichkeit der uniformierten Nichtschnarcher gegen die Störversuche ihrer Kontrahenten garantieren.

Glücklicherweise war es mir vergönnt, meine lückenhaften Erfahrungen in jüngster Zeit zu ergänzen, da unser geistiges Leben in Tagungen gipfelt. Ich will damit keineswegs die Tagungen kultureller, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher oder gar politischer Verbände in Mißkredit bringen. Es geschieht zwar immer wieder, aber es ist keineswegs die Norm, daß schon während des dritten Vortrages nach dem Mittagessen dieser oder jener Teilnehmer erschöpft in Morpheus’ Arme sinkt und diesen dem Sinn der Tagung so abträglichen Zustand auch noch akustisch unterstreicht.

Aber dies meine ich gar nicht. Ich spiele auf den Umstand an, daß sehr oft bei einer Tagung, daß heißt nach dem Tagen, mehrere Männer gemeinsam in einen Saal gebettet werden, ohne daß die Tagungsleitung in ihre Anmeldeformulare eine auf das Schnarchübel anspielende Frage aufnimmt. Das wäre wahrscheinlich auch sinnlos. Denn wenn es übertrieben sein möchte zu sagen, daß es gar keinen Schnarcher gibt, der weiß, daß er schnarcht, so gibt es ganz sicher keinen, der zugibt, daß er schnarcht.

Vorläufig scheint also kein Kraut gewachsen zu sein gegen die Gefahr, bei einer Tagung unter die Schnarcher zu geraten. Diese Armen, die sich mit gutem Gewissen ahnungslos niederlegen, um ihre verdiente Ruhe zu genießen, glauben dann in eine Löwengrube gefallen zu sein, wenn sie, kaum daß das erste liebliche Dämmern ihre Sinne umfängt, von dem gemeinschaftlichen Konzert der Schnarcher emporgeschreckt, hochfahren.