Am Wochenanfang wurde besonders deutlich, daß die Unsicherheit am Aktienmarkt immer noch von den verworrenen Verhältnissen bei den festverzinslichen Papieren ausgeht. Während nämlich alle maßgeblichen Börsenplätze der Welt die Aktienkurse heraufsetzten, ging man an den deutschen Aktienmärkten den entgegengesetzten Weg. Die Geldverknappung im Bundesgebiet spielt hierbei eine gewichtige Rolle. Wahrscheinlich wäre sie allerdings weniger bedrückend, wenn die Würfel über die Bundesanleihe nun endlich fallen würden, damit Klarheit darüber besteht, mit welcher Belastung der Kapitalmarkt von dieser Seite her zu rechnen hat. Erst wenn wir am Rentenmarkt wieder einen reinen Tisch haben, werden die potentiellen Anleger, die naturgemäß an einem möglichst "guten" Zinssatz interessiert sind, aus ihrer Reserve heraustreten. Zum reinen Tisch gehören aber Rentenkurse, die der Wahrheit entsprechen. Deshalb ist es zu begrüßen, wenn an einer Börse jetzt auch Freiverkehrsnotizen für solche Anleihen eingeführt wurden, die noch nicht amtlich zugelassen sind. Dadurch wird die Neigung mancher Emittenten, in börsenschwachen Zeiten die amtliche Einführung ihrer Emissionen möglichst hinauszuzögern (um sie nicht pflegen zu müssen) erheblich gedämpft; außerdem erkennt jetzt der Außenstehende, ob eine Emission gut oder schlecht placiert ist. Er sieht, daß manche "Sondermeldung" über eine rasche Unterbringung dieser oder jener Anleihe eben auch nicht mehr Wert hatte als Sondermeldungen früherer Zeiten.

Bei den Aktien nimmt man jetzt offenbar die nächste Zinserhöhung vorweg. Potente Gruppen scheinen immer noch la Baisse zu spekulieren und stellen bei steigenden Kursen ständig größere Posten zur Verfügung. Andererseits wächst jedoch die Neigung, auf der ermäßigten Basis die Portefeuilles zu ergänzen und zu verbilligen. Auch ausländische Interessenten melden sich wieder, wenngleich der Schwerpunkt ihrer Aktivität zur Zeit noch in London und New York liegt. In USA scheint der Zins jetzt seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Trifft dies zu, dann hat auch der Zins in der Bundesrepublik keinen weiten Spielraum mehr nach oben. Deshalb spricht die Börse auch nur von einem Zwischentief.

Gegenwärtig bewegen sich die deutschen Aktien auf einer Bandbreite von etwa 10 v. H. ihres Kurswertes. Dabei werden die beiden Endpunkte immer dann übersprungen, wenn das Angebot über das übliche Maß hinausgeht, was vorkommen kann, wenn größere Verkäufe zur Geldbeschaffung vorgenommen werden. Die Kursbildung ist oftmals zufallsbedingt, die Kurseinbußen hatten – bis auf ganz geringe Ausnahmen – mit der wirtschaftlichen Lage der betroffenen Gesellschaften nichts zu tun. Werjetzt die Kurszettel der Börsen aufmerksam studiert, findet nicht selten Papiere erstklassiger Unternehmen angeboten, die in Hausse-Zeiten auch mit Aufschlägen von 100 Punkten und mehr nicht verfügbar wurden. Diese Tatsache ist besonders für Investment-Gesellschaften bedeutsam, die jetzt ihre Fonds mit solchen Papieren "vergolden" können. Sie sind nicht mehr gezwungen, das aufzunehmen, was der Markt eben bietet, sondern können die Auswahl wieder schärfer treffen.

Zu den Papieren, die überdurchschnittlich schwanken, zählen die BMW-Aktien, für die nach Börseninformationen drei Interessenten im Rennen liegen. Genannt werden Daimler, der Ford-Konzern und die American Motors Corporation. Alle drei Gruppen können natürlich nur an einer Majorität interessiert sein, denn keines der genannten Unternehmen will hier lediglich Geld anlegen, sondern das eigene Produktionsprogramm mit dem von BMW kombinieren oder die Anlagen und Arbeits-, kräfte für die eigene Planung verwenden. Das größte Paket von BMW-Aktien liegt in Händen der Deutschen Bank, aber es scheint nicht die Majorität zu sein. Wer deshalb dieses Paket erwirbt (und es dürfte zum Verkauf stehen), muß noch Aktien von dritter Seite bzw. über die Börse zukaufen. Nun sind die freien Aktionäre allmählich hellhörig geworden und nur zu sehr hohen Kursen bereit, ihre Papiere aus der Hand zu geben. Sie müssen sich allerdings darüber im klaren sein, daß der heutige Kurs von 260 bis 280 v. H. keine Stütze in der Bilanz von BMW findet, die sanierungsreif ist.

Die Kurse der Dt. Erdöl AG und von Rheinpreussen haben sich in etwa auf das Umtauschangebot (5 Aktien von Rheinpreussen gegen 4 DEA-Aktien) eingespielt. Rätselraten herrscht an der Börse darüber, ob die Familie Haniel mit der Preisgabe ihrer beherrschenden Stellung bei Rheinpreussen eine Schachtelbeteiligung bei der DEA eingehandelt hat. Die Nachrichten darüber sind widersprechend. Während es in Düsseldorf heißt, daß der Schachteleinfluß von der Familie geschaffen worden ist, wird dies aus Kreisen der DEA-Verwaltung in Hamburg mit Nachdruck dementiert. Man geht sogar so weit, zu behaupten, daß die Familie Haniel auch in Zukunft keinen Schachteleinfluß erwerben wird. Das wird jedoch die Aufnahme eines Mitglieds der Familie Haniel in den DEA-Aufsichtsrat nicht ausschließen.

Kurt Wendt