Köln, im Oktober

Das Landesarbeitsamt von Nordrhein-Westfalen hat in seinem Bericht über die Arbeitsmarktlage im September auf eine außergewöhnliche Fluktuation der Arbeitskräfte hingewiesen. Das Streben nach beruflicher Verbesserung, angenehmeren Arbeitsplätzen und günstigeren Verdienstmöglichkeiten beeinflußte die Wanderbewegung in vielen Berufen und Wirtschaftszweigen, wenn auch die Zahl derjenigen, die dem Bergbau freiwillig, meist unter Kontraktbruch, den Rücken gekehrt haben, mit 6319 Mann die absolut höchste sein dürfte. Die Abwerbeaktion der südwestfälischen und saarländischen eisenverarbeitenden Industrie hat bei den Kumpels Erfolg gehabt.

Im industriereichsten Land der Bundesrepublik sind im September von der Arbeitsverwaltung 61 679 Männer in Stellen vermittelt worden, während 59 186 offenen Stellen nur noch 33 543 Arbeitslose gegenüberstanden. Der Steinkohlenbergbau hatte in diesem Monat den weitaus stärksten Anteil an der Zunahme der offenen Stellen, nämlich 4775, gegenüber 3696 Ende August. Inwieweit diese Zahlen „hart“ sind, läßt sich schwer nachprüfen, denn die Betriebsleiter einzelner Zechen fordern Arbeitskräfte an, um ihr Stellensoll zu erfüllen, ohne über die Vorstandsbeschlüsse, die das Schicksal der Zechen und ihrer Betriebsteile bestimmen, informiert zu sein. Interessant ist, daß einige hundert Bergleute von der Ruhr und Niedersachsen in das von Feierschichten weitgehend verschont gebliebene Aachener Revier abgewandert sind, wie überhaupt die Abwanderung nur dort rückläufig ist, wo keine Entlassungsmaßnahmen mehr zu befürchten sind.

Bei den „Zugvögeln“ des Bergbaues, insbesondere bei der Masse der Kontraktbrüchigen, handelt es sich – sehr zum Leidwesen der Gesellschaften – meist um voll leistungsfähige Bergleute der jüngeren oder mittleren Jahrgänge, die man auch in Zukunft gut gebrauchen könnte. Die Zahl der Berglehrlinge, die von 1948 (13 264) bis 1954 ständig gestiegen war (34 072), ist dann rapide abgesunken und betrug im Bundesgebiet 1958 nur noch 19 120. Selbstverständlich machten sich hier auch die geburtsschwachen Jahrgänge bemerkbar, aber es ist auch nicht zu bezweifeln, daß die Kohlenkrise die Entwicklung noch beschleunigt hat.

Die Alterspyramide ist in den letzten Monaten an der Basis schmäler geworden und würde an der Sohle der jungen und mittleren Jahrgänge noch mehr eingeengt worden sein, wenn nicht viele gefürchtet hätten, ihre Bergarbeiterwohnung durch Kontraktbrüche aufs Spiel zu setzen. Kündigungsschutz gibt es nur für von den Zechen ordnungsmäßig entlassene Bergarbeiter, wie auch die Erstattung des Verdienstausfalls der Feierschichten nur denen zugute kommt, die am 30. September 1959 noch im Bergbau beschäftigt waren. Das gleiche gilt für die jetzt zwischen der Bundesregierung und der Hohen Behörde der Montan-Union ausgehandelten Anpassungsbeihilfen.

Das sozialpolitische Feld ist abgesteckt, aber noch nicht durchgeackert. Es ist Sorge dafür getragen, daß vor und hinter den Zechentoren keine ?anik entsteht und die weitere Entwicklung des Arbeitsmarktes in ruhigeren Bahnen verläuft. Ein Appell der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen an den Bergbau ist von Essen aus noch nicht beantwortet worden – der Appell an den größten Grundstücksbesitzer an der Ruhr, Land für die Ansiedlung neuer Industrien bereitzustellen. Hier wird man nicht mehr ausweichen können, wenn einmal beschlossen ist, welche Zechen stillgelegt werden. Elmar Mundt