Theodor Heuss, dem liberalen Mann, der ein Leben lang die Würde des Menschen vertrat, dem großen Schriftsteller, der Vergangenheit und Gegenwart von gefährlichen Ressentiments befreite und den hellen und sauberen Verstand an ihre Stelle setzte, dem redlichen Menschen, der Anmut und Würde mit nobler Geistigkeit verband und der, ein Vorbild für viele in schwerer Zeit, Idee und Wirklichkeit in seiner Person und in seinem Werk in Einklang brachte, verleihen wir den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

So lautete der Text der Urkunde, die Professor Theodor Heuss am Vergangenen Sonntag in der Frankfurter Paulskirche entgegennahm; gleichzeitig verlieh ihm die Stadt Frankfurt die Ehrenbürgerschaft. Heuss ist der zehnte Träger des Friedenspreises, zwei Vorgängern hat er selber die Festrede gehalten: im Jahre 1951 Albert Schweitzer und 1954 Carl Jacob Burckhardt. Thema seiner Ansprache diesmal, so verlangten es Ort und Stunde, war die Voraussetzung des Friedens in einer Zeit des „Imperialismus der Ideologien“.

„Frieden? Das ist doch nicht bloß die Frage, ob... Kanonenschüsse dröhnen, ob Bomben Menschen und Werte vernichten, sondern ob außerhalb dess.en, was man Staatsmacht und Staatsräson zu nennen pflegt, menschliche Haltungen und Gesinnungen, deine, meine Haltung und Gesinnung, geschichtlich, und wenn auch nur in der Begrenztheit eines engen Wirkungskreises, mitschöpferisch sein können.“

Darum heiße die Aufgabe: „Entmythologisierung jener beiden Ideologien,... jenes biologischen Naturalismus, der sich in der Rassenbewertung gefällt, ... jenes dialektischen Materialismus, Her den Klassenbegriff als Instrument des banalen Macht- und Herrschaftswillens manipuliert. Wirft man sie weg, das gilt für den einzelnen, für die Gruppe, für ein Volk, dann gewinnt man die innere Freiheit, ... Du zu sagen. Ich weiß, das klingt sentimental, fast einer Fibel des Toleranz-Geredes entnommen. Denken Sie, ich habe mein Leben lang das Wort ‚Toleranz‘ nicht leiden können; den andern dulden, vielleicht sogar erdulden: das ist einmal Anmaßung, dann aber hat es auch den Unterton des Schwächlichen, ja Weichlichen gewonnen ... Mögen Sie dessen innewerden, ... daß das Miteinander von Menschen und Völkern nicht zu einem Gegeneinander führt – der Frieden ist doch mehr als ein völkerrechtlich umschriebener Staatenzustand –, daß Toleranz auch mehr ist als ein passives, ein ‚duldendes‘ Hinnehmen der Gegebenheiten und Sonderlichkeiten, sondern im geistigen wie im moralischen Raum – das lehrt Lessing – ein Element aktiver Tapferkeit.“

In den mannigfachen Ehrungen, die dem aus seinem Amt geschiedenen Bundespräsidenten zuteil geworden sind, kehrten beharrlich zwei Vokabeln wieder: Macht und Geist, vereint in der Person von Theodor Heuss. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, daß er niemals nur als höchster Beamter der Bundesrepublik, sondern immer auch als unverwechselbare geistige Persönlichkeit vor die Öffentlichkeit getreten sei. Verwundert wird es festgestellt, man hätte es kaum für möglich gehalten; betrübt, weil es damit nun ein Ende hat. Ein Ende?

Zehn Jahre lang hat Heuss das Unwahrscheinliche geleistet, vom politischen Amt aus den Bundesbürger als einen geistigen Menschen anzusprechen, ihm eine Art Bürge dafür zu sein, daß der neue Staat nicht eigentlich auf dem falschen Wege sein könne. Wird er, so wie er bisher als Politiker zu den Deutschen sprach, nun, da ihm kein Amt mehr Rücksichten auferlegt, auch den Politikern ins Gewissen reden? Sein Prestige ist – auch wenn die Abschieds-Sentimentalität verflogen sein wird – ungeheuer, seine Worte dürfte niemand zu überhören wagen.

Nicht, daß von ihm ständige Parteinahme für diese oder jene Interessengruppe erwartet würde. Seine Sache ist eine Parteinahme anderer Art: die Politiker wissen zu lassen, wie sich ihre Entschlüsse einem Menschen darstellen, der sein Urteil nicht auf diesen oder einen anderen Zweck abzustimmen sucht, dem keine Rücksicht und kein Kompromiß auferlegt ist. Heinrich Mann, der sich über das Verhältnis von Staat und Geist gründlich den Kopf zerbrochen hat und selber von nicht wenigen Intellektuellen der Weimarer Republik an die Spitze des Staates gewünscht wurde, hat Geist so definiert: „... die menschliche Fähigkeit, der Wahrheit nachzugehen ohne Rücksicht auf Nutzen oder Schaden, und Gerechtigkeit zu erstreben sogar wider praktische Vernunft.“ DZ