Die Lust am Soldatenleben war die Freude des jungen A. D., endlich und zum ersten Male im Schwarme Gleichgesinnter, Gleichgerichteter zu leben, vom rauhen Erwachen in früher Morgenstunde bis zum melodisch beruhigenden Zapfenstreich. Er erinnert sich an den frühen Marsch in gleichem Schritt durch schlafende Städtchen, an die morgendliche Frische vor Tau und Tag, an die Anspannung des Willens bis zur Erschöpfung, an den Marsch zurück, mit klingendem Spiel, bestaubt, gebräunt.

Und keine Lust und keine Zeit zu fragen. Vergessen blieb die Frage nach dem Sinn. Keine Lust und keine Zeit zu dieser Frage, zur Frage nach dem Telos.

Die Reichswehr erlebte in den entscheidenden Tagen ihres Aufbaues eben jenen Beginn der Sinnentleerung, der allgemein, besonders aber bei den Soldaten des Großen Krieges mit dem Zerbrechen der alten Tafeln unter den gewölbten Domen der Flugbahnen glühenden Metalls begonnen hatte. Und keine neuen Tafeln boten sich an, landauf und landab, weltauf und weitab keine neuen Tafeln.

Weil andere, geistige Impulse fehlten, formierte sich das Bürgertum in den alten Parteien, die nur neue Namen trugen. Und diese Parteien bürgerlicher Prägung formulierten in der „Verfassunggebenden Nationalversammlung“ in Weimar fleißig mit an einer Verfassung, die sich im Grunde gar nicht so sehr unterschied von der ersten, vorzüglichen Verfassung des Norddeutschen Bundes Bismarcks – im wesentlichen nur aussparend die Präambeln von praktisch vieldeutiger Art, wie etwa, alle Gewalt gehe nun vom Volke aus.

In der Weimarer Verfassung kam das Wort „Parteien“ gar nicht vor, und doch ließ sich, da viele Möglichkeiten offenblieben, mit ihr gut regieren. Sie war nicht populär, diese Verfassung. Und das so wohltätig angesprochene Volk spürte offenbar, daß die staatsbildende Verfassung der seelischen Verfassung des deutschen Volkes nicht entsprach. Eben dieses allgemeine Gefühl aber stärkte den politischen Nährboden der nationalen Bewegung.

Damals erzeugte die nationale Bewegung im Bürgertum zumindest eine ernstliche Unruhe, die aus den Hinterzimmern auf die Straße und auf die öffentlichen Plätze und Versammlungsräume übergriff. Ihre entscheidenden Impulse und Aspekte erhielt die nationale Bewegung durch das Einströmen der Freikorps-Soldaten zu einer Zeit, als die heimgekehrten Frontsoldaten sich längst in mancherlei „vaterländischen Verbänden“ organisiert hatten.

Die Freikorps-Soldaten hatten als erste und einzige sofort nach dem Zusammenbruch staatliche Aufgaben übernommen. Sie waren an den Grenzen des Ostens auf den politischen und revolutionären Nationalismus der sich eben befreienden Völker, zuvörderst der Polen, gestoßen: eine Begegnung, die ihnen zu denken geben mußte. Dann aber, als durch den Versailler Friedensvertrag Anno 1919 die Grenzen festgelegt worden waren, hatten die Freikorps zugunsten der kleinen Reichswehr verschwinden müssen. In der nackten Existenz getroffen, waren ihre Angehörigen am stärksten auf die Frage nach dem Sinn gedrängt. Aus dem Dienst des Staates entlassen, suchten sie sich ihre politische Existenz innerhalb der Nation zu erhalten, die vom Staate der Weimarer Verfassung gleichsam wie von einem Netz überspannt war.