C. D., Johannesburg, im Oktober

In Südafrika haben in den letzten Tagen die Weißen ihre Provinzparlamente gewählt. Heute wie vor 50 Jahren stehen sich dabei Buren und Engländer gegenüber, wenn auch nun in Gestalt ihrer jeweiligen südafrikanischen Parteien, der National und der United Party. Die an dieser völkischen Antithese uninteressierten Liberalen, die gleiches Recht für alle Völker und Farben auf ihre Fahne schreiben, haben noch nie ein Mandat erhalten und befinden sich gegenüber einer so traditionellen und reinlichen Scheidung der Geister in hoffnungsloser Minderzahl.

Man kann daher am Thermometer südafrikanischer Wahlen im allgemeinen nur ablesen, ob die Buren oder die Engländer sich schneller vermehren, nicht aber eine Antwort auf die Frage finden, die die Welt wirklich interessiert, ob man nämlich in der Südafrikanischen Union einer friedlichen Koexistenz der Rassen näherkommt.

Diesmal war es anders. Die burische Regierung hat in den letzten Monaten ihr Apartheid-Programm in Richtung auf die Schaffung rein schwarzer Siedlungs- und Einflußgebiete, sogenannter Bantustans, derartig entschlossen vorangetrieben, daß das Pro und Con für diesen Teil der Apartheid zum Inhalt des ganzen Wahlkampfes wurde. Die Buren sehen in der Einrichtung und Anerkennung rein schwarzer Regionen innerhalb des Unionsgebietes die einzige Hoffnung, dafür auch rein weiße Einflußgebiete zu erhalten.

Die Engländer, also die United Party,lehnen die Bantustans ab. Sie sagen: „Das geht nicht“, und meinen: „Das kostet zuviel“, nämlich jetzt zuviel Geld für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Gebiete und später vielleicht sogar die Einheit der Union. Es scheint fast, als seien die englischsprachigen Südafrikaner diesmal der Meinung, die nationale Regierung gäbe den Schwarzen mehr als notwendig.

Es gibt auch burische Minister, die das gleiche meinen, und die sich sehr vorsichtig ausdrücken, wenn über die Autonomie der Bantustans gesprochen wird. In den Wochen vor den Wahlen haben diese Minister und Funktionäre an den recht eindeutigen Worten herumgedeutelt, mit denen der südafrikanische Außenminister Erik Louw vor der UNO für die letzte Phase die Selbstverwaltung der Bantustans auf allen Gebieten versprach. Erst kurz vor den Wahlen hat dann Ministerpräsident Verwoerd allen Spekulationen durch die Erklärung ein Ende gesetzt, die Bantustans würden unter rein schwarzer Führung im Laufe der Entwicklung völlige Autonomie erhalten. Er führte aus, das spätere Zusammenspiel der schwarzen Bantustans und der weißen Provinzen würde das eines Commonwealth selbständiger Nationen sein (und nicht den Charakter einer Föderation haben), bei dem mindestens Außenpolitik und Verteidigung Aufgaben einer gemeinsamen zentralen Instanz sind.

Diese unerwartet konsequente Durchführung des Apartheid-Gedankens hat den Leuten in Südafrika – ob Buren oder Engländer – den Atem verschlagen. Ihre Antwort? Die Südafrikaner haben bei den Wahlen die Nationale Partei mit noch mehr Mandaten in den Provinzparlamenten bestätigt als bisher. Offenbar zeigen sich nun in der südafrikanischen Innenpolitik ernste Ansätze zur Lösung eines ererbten historischen Problems. Es wäre recht und billig, eine solche Lösung mit der gleichen Aufrichtigkeit und Unvoreingenommenheit zu studieren, mit der sie von ihren Initiatoren vertreten wird.