Der Streit um Bischof Dibelius und seine Thesen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Was ist Obrigkeit? Diese Frage, die fernab der Welt in einem staatsrechtlichen oder historischen Seminar zur Diskussion gestellt sein könnte, erregt augenblicklich weite Kreise der Öffentlichkeit.

Die evangelische Kirchengemeinde von Berlin-Brandenburg hat sich von dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, von Bischof Dibelius, distanziert, weil sie seiner "Wertung" des Begriffes Obrigkeit nicht folgen kann: "Der uns von der Heiligen Schrift gebotene Gehorsam gegenüber jeder Obrigkeit gilt auch heute gegenüber den bestehenden Regierungen so hieß es in dem Brief der Kirchenleitung. Man bedenke, eine Gemeinde und mehrere hohe kirchliche Würdenträger distanzieren sich von dem Chef der Evangelischen Kirche.

Was war geschehen? Bischof Dibelius hatte dem Hannoverschen Landesbischof Lilje zum 60. Geburtstag als eine Art Festschrift einen Brief geschrieben, in dem die Frage aufgeworfen wird, wie eigentlich im Brief Paulus an die Römer der Anfang des 13. Kapitels zu übersetzen sei. Jene Stelle also, in der es heißt, "jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat". Was also ist Obrigkeit, fragt der Bischof. Wahrhaftig eine aufregende Frage im 20. Jahrhundert.

Türken oder Christen...

Sie hat viele von uns – nicht nur die Mitglieder der Bekenntniskirche – erregt in den Jahren, da Hitler die Obrigkeit repräsentierte. Und für jene Deutschen, die 1945, kaum dem Regime des Nationalsozialismus entronnen, schon wieder einem neuen totalitären Staatssystem, dem Kommunismus der SED, anheimfielen, ist diese Frage heute noch genauso brennend wie damals.