C. B., Berlin

Das Staatliche ukrainische Tanz- und Gesangsensemble, das am 15. Oktober in der Westberliner Deutschlandhalle zeigte, was es in den Beinen und in den Kehlen hat, ist unversehens zu einem staats- und völkerrechtlichen Monstrum geworden. Daß die Sänger und Balletteusen, zu diesem ungewollten Ruhm kamen, liegt an dem eigentümlichen Status von Westberlin.

Schon die Szene vor der Szene war von besonderem politischem Reiz. Zu den günstig placierten Gästen gehörten die drei Westberliner Stadtkommandanten, der Regierende Bürgermeister Brandt und der Chef der Westberliner SED-Organisation Danelius. Sehr viele Besucher trugen am Rockaufschlag Abzeichen, die in Westberlin im allgemeinen nicht zu beobachten sind, ja, die den Träger als Mitglied einer Organisation ausweisen, die in Westberlin als verfassungsfeindlich gilt.

Es lag an der staatsrechtlichen Interpretation, die der Senat und die Alliierte Kommandantur (West) dieser Veranstaltung gegeben hatten, daß sich hier Personen trafen, die sonst peinlich darauf bedacht sind, jeden offiziellen Kontakt zu meiden. Es lag außerdem an dem unpräzise formulierten Text des deutsch-sowjetischen Kulturabkommens, bei dem bis zur Stunde ungeklärt ist, ob Westberlin als Bundesland mit einbezogen ist.

Die zuständigen Westberliner Stellen gestatteten sich die Zweckdeutung, den Auftritt der Ukrainer in Westberlin, dem eine Tournee durch die DDR voranging, und dem eine Tournee durch das Bundesgebiet folgt, als Beginn eben dieser Tournee durch die Bundesrepublik zu betrachten. Sie glaubten darin eine protokollarisch unauffällige sowjetische Bestätigung jener These zu erkennen, nach der Westberlin verfassungsrechtlich Bestandteil der Bundesrepublik ist.

Sie sahen sich Zu dieser Auffassung in doppelter Weise ermuntert. Die Westdeutschland-Tournee des ukrainischen Ensembles wurde tatsächlich im Rahmen des deutsch-sowjetischen Kulturabkommens vereinbart, und außerdem versicherte der Düsseldorfer Konzertagent Madtner, der das Ensemble organisatorisch betreut, dem Senat, daß die Westberliner Veranstaltung bereits zur West-Tournee gehörte.

Die Westberliner Politiker wurden jedoch rasch von ihrem Wunschdenken kuriert, als die Ostberliner „BZ am Abend“ meldete, das ukrainische Ensemble habe mit der Aufführung in der Deutschlandhalle „seine Tournee durch die DDR“ beendet. Diese Darstellung fand sehr bald ihre amtliche Bestätigung durch die sowjetische Botschaft in Ostberlin. Sie erklärte unmißverständlich, das ukrainische Ensemble habe in Westberlin „nicht im Rahmen des zwischen Bonn und Moskau abgeschlossenen Kulturabkommens“ gastiert. Vielmehr sei das Gastspiel von der Westberliner Abteilung der in Ostberlin residierenden „Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft“ organisiert worden und stehe in keinem Zusammenhang mit der ukrainischen Tournee durch das Bundesgebiet, Der Auftritt in Westberlin habe zum Tournee-Programm des Ensembles in der DDR und in Ostberlin gehört.