Wohl dem Schriftsteller, bei dessen Namen dem Publikum gleich ein bestimmtes Buch einfällt! Wehe dem Schriftsteller, bei dessen Namen dem Publikum nur ein bestimmtes Buch einfällt, so viele andere er auch noch geschrieben haben mag!

Zwischen Scylla und Charybdis schreibt Robert Neumann, der erst vor kurzem in den Spalten dieser Zeitung ein Duell mit einem jüngeren Autor, Alfred Andersch, ausfocht – und gewann.

Daß Neumann sich dieses Sieges vielleicht nicht vorbehaltlos zu freuen vermag, könnte an der Einsicht liegen: sein ernstes Gegenüber hatte die Ebene der Parodie, die eine der Ebenen des Humors ist, gar nicht begriffen. Es ist eben schwer in unserem Lande, Humor und Herz zu haben, sogar unter Schriftstellern. Ob diese Einsicht, die Neumann gewiß nicht neu ist, ihn dazu verführt, immer einmal wieder von seiner „Marke“ abzugehen und sich gleichsam den Ernsten als ernsthafter Romancier vorzustellen? Seinen jüngsten ernsthaften Roman –

Robert Neumann: „Die dunkle Seite des Mondes“; Kurt Desch Verlag, München; 308 S., 14,80 DM.

– kann ich allerdings so ganz ernst auch nicht nehmen: ein Hauch distanzierter Ironie liegt da über einer Geschichte, die ohne diese Mischung wohl nur Kolportage wäre. Ohne Ironie nämlich hörte sich Robert Neumanns Erzählung so an:

Ein Rechtsanwalt kehrt zurück in die kleine österreichische Stadt nahe der Grenze. Dieser Andreas Wirz ist ein gebrochener Mann: Als Emigrant, mit dem Odium des ehemaligen Kommunisten behaftet, führt er die Anwaltspraxis seines Vaters weiter, mehr schlecht als recht. Bis jene Frau von jenseits der Grenze auftaucht, die sein Leben verändert: eine knabenhafte Gestalt, in der die Dämonie des Eros glüht, undefinierbaren Alters, eine Frau, die schon den Vater des Anwalts verführt hat und den Alternden jetzt mit sich herumschleppt, einen makabren Professor Unrat, der in besseren Tagen die Republik Österreich im Völkerbund vertreten hatte. Eine Kette unwahrscheinlicher Begebnisse schüttelt Andreas Wirz und die Menschen um ihn durcheinander; Scheintote und Tote, Mystifizierungen und brutal-offene Erklärungen lösen einander ab, bis der Leser – nicht ohne leichtes Erstaunen – merkt, daß er am Schluß des Buches angekommen und daß Andreas Wirz geläutert ist.

Die Zeiten, da jedes deutsche Buch einen „tieferen Sinn“ haben mußte, sind vorbei. Aber soviel ist doch zu sagen: Diese merkwürdig handfeste und zugleich für einen Autoren wie Neumann an manchen Stellen unzureichend vernähte Geschichte überwuchert oft, was auch ein Ironiker, dem’s zuallererst darauf ankommt, etwas Spannendes zu erzählen, seinem Leser beibringen will.