Daß dem jungen Reichswehrangehörigen A. D. ein schweres Verbrechen vorgeworfen wurde, ist nur zu verstehen aus den Zeitumständen. A. D. verschwand für 27 Jahre hinter Gittern, aber der Anlaß dazu waren jene Wirren und Irrungen, die Deutschland damals erschütterten, als es zum ersten Male einen Weltkrieg verloren hatte. Ernst von Salomon hat in den vorigen Folgen seines Berichts die linksradikalen Revolutionäre geschildert; aber jene Kräfte, die den „völkischen Gedanken verfochten, waren keine geringere Gefahr für die junge Republik. Da waren zum Beispiel die Freikorpskämpfer, die sich ihres Auftrags, die Ostgrenzen des Reiches zu schützen, entledigt hatten. Nun waren sie entlassen: ein „verlorener Haufe“, durchdrungen von anarchistischen Impulsen ...

Die entlassenen Freikorpskämpfer, der „verlorene Haufe“, sahen nirgendwo konstruktive Möglichkeiten. Ihre Absicht ging zunächst dahin, „die Entwicklung weiterzutreiben“, als läge in der Dynamik an sich bereits die Chance einer neuen Substanzbildung. Verschwörergruppen taten sich auf, die den Kampf aller gegen alle von den Straßenecken und Hausfluren, von den Demonstrationsplätzen und Versammlungsräumen bis in die Parlamente, bis in die Zimmer der Minister trugen. Attentate geschahen, denen keine Aktion folgte, offenkundig widersinnige Attentate.

Der Fähnrich A. D. hatte an den Irrungen und Wirrungen jener Tage kaum einen Anteil. Fürsorglich hatte die Reichswehrführung über das keimende Pflänzchen der Armee wie eine schützende Glasglocke das Verbot gestülpt, daß kein Soldat sich an politischen Vorgängen beteiligen dürfe. So hatte der Fähnrich A. D. nur ganz von der Ferne her vom Kampf der Roten Armee im Ruhrgebiet gehört, von der Abstimmung in Oberschlesien und den drei Aufständen der polnischen Insurgenten, vom Einsatz freiwilliger, ziviler, offiziell verbotener Selbstschutzverbände eben dort, von den Hungeraufständen in den Industriestädten. Sein Leben war geruhsam im täglichen Dienstablauf dahingeflossen, und das einzige, was den jungen Mann schließlich mit Bekümmernis erfüllte, war die Schwierigkeit, seine freien Abende in angenehmer Gesellschaft zu verbringen.

Er beneidete seine Kameraden aus dem Mannschaftsstande, die abends vergnügt in die „Bumslokale.“ zogen. Er selber wurde zugleich mit anderen Fähnrichen gelegentlich zu den Veranstaltungen der vaterländischen Verbände eingeladen. Wenn die jungen Fähnriche mit väterlicher Genehmigung ihrer Vorgesetzten an solchen Festen teilnahmen, so empfanden sie dies eher als eine unangenehme Art von Dienst denn als ein Vergnügen. Die alten Ex-Soldaten sprachen von Kriegserlebnissen und nahmen von diesen jungen Leuten der Reichswehr kaum Notiz; die jungen Mädchen, Töchter jener Soldaten, waren nicht geneigt, mit ihnen zu tanzen. Der Fähnrich A. D. achtete darauf, nicht aufzufallen, und entbehrte weiter nichts.

Im Grunde entbehrte der Fähnrich A. D. auch die Liebe nicht, weil er sie nicht kannte. Als er die Liebe kennenlernte, handelte er zum ersten Male aus eigenem Trieb, suchte ihr zum ersten Male zu begegnen nach eigenem Gesetz. Und sofort schürzte sich der Knoten seines Lebens, unentwirrbar bis auf den heutigen Tag.

Eines Tages war der Oberfähnrich A. D. mit einem Kameraden von Großenhain nach Dresden gefahren – weil in Großenhain „doch nichts los war“. Auch in Dresden „war nichts los“, aber die beiden Fähnriche konnten sich im Schmuck ihrer neuen Uniformen auf den eleganten Straßen der Stadt zeigen, sie konnten junge Mädchen sehen und von jungen Mädchen gesehen werden.

Dort zum Beispiel gingen gerade zwei, Freundinnen offenbar; sie gingen Arm in Arm. Die eine gefiel A. D., die andere dem Fähnrichskameraden. Also hinterher! A. D. erschrak: Man konnte doch nicht so ohne weiteres... Schließlich wird aller Mut zusammengefaßt, der den Soldaten in schwierigen Situationen des Lebens auszuzeichnen hat: Der Fähnrichskamerad spricht die an, die ihm so gut gefällt. Sie weist ihn nicht ab. Und die andere, die A. D. gefällt, geht schweigend an seine Seite.