A. D. sagte, das mache doch nichts, und er meint dies wirklich. Ihm gefiel, daß auch das Mädchen aussprach, was es wirklich meinte. Dies war die Basis. A. D. liebte „auf Anhieb“. Von da an suchte er Gelegenheiten, Charlotte zu treffen. Schließlich führte sie ihn bei ihrem Vater ein.

A. D.’s Vorstellung von einem Kommunisten war festgelegt. Sie deckte sich mit seiner Vorstellung von einem Spartakisten, Bolschewisten und Max-Hölz-Banditen. Übereinandergelegt deckten sich die Bilder mit einer unrasierten Figur, die mit verkehrt gehängtem Gewehr dem Gymnasiasten A. D. die Schülermütze vom Kopfe geschlagen hatte. Charlottes Vater war Schriftsteller. Und in A. D.’s Vorstellung glich ein Schriftsteller – er kannte keinen – einem Künstler, den er kannte: einem Bohèmien mit offenem Hemd, schmutzigem Barett und ausgetretenen Schuhen.

Er wollte den Kaiser absetzen

Charlottes Vater lebte in einem Vorort Dresdens, der bekannt als das Wohnviertel bester bürgerlicher Familien war. Das Haus war das, was damals eine „Villa“ genannt wurde. Charlottes Vater war ein wohlgepflegter, wohlrasierter, eleganter Mann mit souveränen Manieren und freimütigem Lachen. Er war im Besitz vieler Bücher, guter Bilder und teurer Kunstgegenstände. Aber er war ein echter Kommunist. Als Abgeordneter im Kaiserlichen Parlament hatte er den ersten Antrag auf Absetzung des Kaisers eingebracht.

Obgleich A. D. wußte, daß der bessere ältere Herr die politischen Ansichten seiner Tochter teilte, oder umgekehrt, bestand kein Bedürfnis, dieselben auszutauschen; weder der Oberfähnrich A. D. noch der graumelierte Schriftsteller versuchten, einander zu überzeugen. Die beiden Herren plauderten über Kunst und tranken Kaffee. Im ganzen war A. D. vier- oder fünfmal im Hause des Mannes, den er sich in vollem Ernst als seinen Schwiegerpapa ausersehen hatte.

Mit Charlotte allerdings sprach A. D. gelegentlich über politische Dinge, besonders anläßlich ihres Wunsches, er möge mit ihr nur in Zivil ausgehen. Er begriff dabei mit einem gewissen Grade von Beseligung, daß sie nicht für ihren politischen Ruf besorgt war, sondern fürchtete, er werde Unannehmlichkeiten haben. A. D. lachte über die Befürchtung; er teilte sie nicht.

Das müßte verwundern, wenn nicht der Oberfähnrich gerade durch seine Reichswehrerziehung so sorgfältig von allen politischen Vorgängen ferngehalten worden wäre. Tatsächlich hatten ja die drei ersten der zwanziger Jahre die Menschen in Deutschland in einem außergewöhnlichen Maße politisiert. Nachdem ein ganzes Jahrhundert lang die mannhaften liberalen und bürgerlichen Geister für Maß und Würde des einzelnen eingetreten waren, hatte sich in jenen Jahren die nahezu diktatorische Meinung von der Identität von Einzelpersönlichkeit und Idee durchgesetzt. Der Charakter des einzelnen wurde fast ausschließlich nach dem Maßstab dieser Identität gewertet – von links bis rechts: Proletarier war, wer sich nicht im Besitze von Produktionsmitteln befand und im Bewußtsein seiner Klasse handelte. Deutsch-völkisch war, wer sich arischer Abstammung dünkte und: seine Knöpfe nicht bei Juden kaufte. Von links bis rechts führte diese Meinung von der Identität des einzelnen mit seiner Idee zu einer Radikalität, die beabsichtigte, stets bis zur radix, bis zur Wurzel der Erkenntnisse, vorzudringen. Jedermann meinte, ein Abzeichen seiner politischen Konfession tragen zu müssen, und Attentäter glaubten, in der Persönlichkeit, die sie erschossen, deren Idee getroffen zu haben.