Von Jacques stohler

In seinem zum zehnjährigen Bestehen vorgelegten Jubiläumsbericht warnt der Bundesverband der Deutschen Industrie vor einem falschen Hochmut: davor, daß man sich mit dem Bewußtsein zur Ruhe setze, „daß wir es doch herrlich weit gebracht hätten“. Noch nicht erreicht, stellt der BDI mit vollem Recht fest, ist der Grad von Krisenfestigkeit des wirtschaftlichen Organismus, dessen wir gerade auch im Hinblick auf die Wirtschaftsoffensive der sowjetischen Mächtegruppen bedürfen. „Diese Aufgabe stellt sich uns nach wie vor.“

Dieser Realismus ist sehr zu begrüßen. Realistisch ist die BDI-Ansicht deswegen, weil viele Arbeitnehmer in der Bundesrepublik ihre Zustimmung zum geltenden Wirtschaftssystem offenbar auf den höheren Wohlstand, den der Westen im Vergleich zum Osten bietet, gründen. Die Frage ist noch offen, ob diese Zustimmung in breiten Kreisen auch einen krisenhaften Schock überleben würde.

Es dürfte daher eine weise Politik sein, es gar nicht erst auf eine Depression ankommen zu lassen, sondern auf solche und ähnliche Experimente in gesamtwirtschaftlichem Maßstab zu verzichten. Mit den Worten des BDI: „Die Notwendigkeit einer vermehrten Widerstandskraft gegen krisenhafte Entwicklungen ist durch den verbesserten sozialen Status keineswegs weniger wichtig, sondern eher dringlicher geworden. Wir haben es in den letzten Jahren häufiger erlebt und müssen insbesondere in der Strukturkrise des Steinkohlenbergbaues die Beobachtung machen, mit welchem Eifer kollektive Kräfte, die auch von jenseits der Zonengrenze her wirken, sich bemühen, mit dieser Krise die Sozialisierungsforderung zu begründen.“

Mit der Erkenntnis, daß die „Krisenfestigkeit“ eine der Hauptforderungen der modernen Wirtschaftspolitik ist, stellt sich der BDI als Verband auch im internationalen Vergleich ein sehr gutes Zeugnis aus. Verschiedene industrielle Spitzenverbände anderer Länder huldigen auch heute noch einem in der Wirtschaftswissenschaft durchaus überwundenen Ideal der Wirtschaftspolitik des „Gewährenlassens“ und treten nur schlechten Gewissens und verschämt für die Krisenbekämpfung ein.

Eine andere Frage ist freilich, wie die Konjunktur zu stabilisieren ist. In seinem Jubiläumsbericht verweist der Bundesverband als Beispiel auf seine Vorschläge zur Behebung der Krise im Kohlenbergbau. Er bezeichnet diese Vorschläge selber als „im Sinne der freien Wirtschaft undogmatisch“ – und das sind sie auch, oder waren es vielmehr.

Man erinnert sich: Der Vorschlag des BDI-Präsideriten Fritz Berg zur Überwindung der Kohlenkrise gipfelte in der Bildung eines Kartells zwischen der Kohle und dem Mineralöl, den beiden wichtigsten Energie-Konkurrenten. Der Vorschlag wäre, wie an dieser Stelle seinerzeit dazu bemerkt wurde, darauf hinausgelaufen, den beiden Konkurrenten einen Marktanteil zuzuteilen. Damit wäre im Grunde genommen der Wettbewerb auf dem Energiemarkt beseitigt worden, denn Marktanteile muß in der Wettbewerbs-Wirtschaft eben der Markt bestimmen und nicht die Obrigkeit. Die Konkurrenz der billigeren Energie wäre somit durch eine wirtschaftspolitische Maßnahme geschwächt und die Möglichkeit einer rationelleren Energieversorgung der deutschen Volkswirtschaft bewußt eingeschränkt worden.