Von Wolfgang Hildesheimer

Gewiß entsinnen Sie sich der Kontroverse zwischen Robert Neumann und Alfred Andersch, die vor etwa zwei Monaten hier an dieser Stelle – das heißt, genauer gesagt, in Anderschs Haus im Tessin – vonstatten ging. Lassen Sie mich dennoch Ihr Gedächtnis auffrischen: Es handelte sich – wenn man das reiche und hübsche Neumannsche Rankenwerk der Milieu- und Häuslichkeitsschilderung abzupft – um ein zwiefach wiedergegebenes Zwiegespräch über das sogenannte avantgardistische Theater, also über Ionesco und Beckett. Zumindest lief es darauf hinaus.

Die Argumente waren – so scheint mir – von Robert Neumanns Seite mit größerem Charme vorgetragen, von Alfred Anderschs Seite mit größerer Sachlichkeit.

Und nun mische auch ich mich noch in dieses Streitgespräch, freilich nicht so sehr, um zu streiten, sondern mehr: um noch eine Sicht hinzuzufügen. Die Sache ist keineswegs passé. Zuletzt erschien ein Abdruck des Gesprächs, allerdings nur soweit es Beckett betrifft, im Programmheft des Schillertheaters zu den Berliner Festwochen. Den Anlaß dazu gab die deutsche Erstaufführung des letzten Stückes von Beckett, „Krapps Last Tape“. Auf deutsch heißt es „Das letzte; Band“. Und diese Aufführung wiederum ist der Anlaß dafür, daß ich nochmals auf Neumann und Andersch zurückkomme.

„Krapps Last Tape“ ist ein Vierzig-Minuten-Stück, Einakter, Monodrama und – wie Becketts spätere Prosawerke – Monolog. Die Handlung findet – wie Beckett sagt – „eines Abends spät in der Zukunft“ statt. Ein alter, äußerlich verlotterter Mann sitzt in seiner verwitternden Bude, in der sich nichts befindet als Tisch, Stuhl, Tonbandgerät, Bänder und Bananen. Er hört ein paar Tonbänder ab, die er besprach, als er noch in der Blüte seiner Jahre stand, noch voller Resolutionen und Emotionen war und noch nicht wußte, daß er – wie alle es sind – zur Einsamkeit geboren war.

Unter den Tonbändern fesselt ihn – und den Zuschauer – der Bericht eines Liebeserlebnisses. Dreimal läßt er dieselben Passagen durchlaufen und gibt sich dem Nachvollzug längst vergangener Stunden hin. Allein dieses Liebeserlebnis ist geblieben. Alles andere verwirft der alte Mann jetzt als pubertär, sinnlos und vergeblich.

Schließlich bespricht er sein „letztes Band“, nachdem er, gichtleidend, kurzsichtig, es mühevoll aus einer Schublade hervorgekramt hat. Er füllt das Band mit dem letzten, was er noch zu sagen hat: der Bilanz seiner Einsamkeit, die zugleich die Einsamkeit aller Menschen ist.