Als Einzelgänger auf der Insel Sylt – Die Nordsee wird „ganzjährig“

Von Peter Johannsen

Daß man sich in einem Nordseebad nur erholen könne, wenn die Sonne scheint und das Meer warm ist, gilt als ein überholtes Vorurteil. Zwischen der Werbung der Seebäder für Herbst- und Winterkuren einerseits und der Erwartung der Gäste, dann ebensogut wie im Sommer aufgehoben zu sein, andererseits stehen freilich noch einige Hürden. Auf der Insel Sylt wirbt vor allem Westerland für eine ganzjährige Kurzeit. Durch Wochenendfahrten, die mit der Bundesbahn nach Westerland führen, überzeugen sich schon viele Festlandbewohner, daß dieses größte Bad in der Bundesrepublik auch für einen Erholungsaufenthalt in der kalten Jahreszeit gerüstet ist. Von seinen 17 000 Fremdenbetten sind in ganzjährig geöffneten Hotels, Pensionen und Privatquartieren 2000 bis 3000 „heizbare Betten“. Diesen Ausdruck bezeichnet Kurdirektor Petersen als erlaubtes Schriftdeutsch.

Westerlands Ausbau zielt nicht mehr darauf, in erster Linie eine mondäne Sommerfrische zu sein. Schon gibt es außer einem Kurbadehaus eine geheizte Liegehalle. Sie befindet sich in der Brandungszone, wo die Luft noch die heilsamen Salzpartikelchen enthält. Die Menschen werden in Decken gewickelt. Die Fenster stehen offen. Als nächstes bekommt Westerland ein Hallenschwimmbad, in dem Meerwasser mit einer Wellenanlage bewegt werden soll. Westerland im Winter – das heißt statistisch jetzt schon durchschnittlich je Monat tausend „freie“, nicht durch Organisationen „verschickte“ Kurgäste.

Nach solcher Ganzjährigkeit strebt auch Wenningstedt. Als „ruhiges Familienbad“, das keinen Wert auf Westerländer Vergnügungsmöglichkeiten legt, war es bisher ein Sommerbad. Zwar macht man Reklame auch für eine Vor- und Nachsaison; doch Gäste, die das allzu wörtlich nehmen, sehen sich auf ganz wenige geöffnete Häuser verwiesen. Kann schon der Westerländer Kurdirektor nicht leugnen, daß es außerhalb der Hauptsaison „gewisse Personal-Engpässe“ gibt, in Wenningstedt sieht sich der Gast außerhalb der Hauptbesuchszeit, was Dienstleistungen und Verpflegungsmöglichkeiten betrifft, erst recht eingeschränkt. Nun will Wenningstedt mit Unterstützung der Kieler Landesplanung ebenfalls ein „Kurbadehaus in unmittelbarer Nähe des Strandes“ bauen. Laut offiziellem Prospekt, der für die vergangene Saison galt, ist dieses Badehaus bereits „1959 nach den neuesten Gesichtspunkten erbaut“ worden. Das stimmt nicht. Angekündigt werden immerhin für die Zukunft warme Seebäder, Inhalationen, Sauna, Schlickpackungen und Massagen. Wenn es so weit ist, sollen die 1800 Fremdenbetten des Ortes auf 2000 vermehrt worden sein.

Wintergast an der See

Das Beispiel Wenningstedts, geprüft in der diesjährigen, vom Wetter ungewöhnlich begünstigten Nachsaison, lehrt, daß es zwischen Werbung und Wirklichkeit noch eine andere Kluft gibt. Sie kann nur von den Vermietern geschlossen werden. Es mag dahingestellt bleiben, warum sie nach einer erfolgreichen Sommersaison „genug haben“: an materiellem Ertrag fürs ganze Jahr oder an Überbeanspruchung durch Arbeit? Auch das Hilfspersonal größerer Häuser ist noch ganz auf Saisonbetrieb eingestellt. Doch wenn man ernsthaft Wintergäste an die See ziehen will, dann muß sich zunächst die Mentalität der Inselbewohner als Beherberger wandeln. Die Bereitschaft der Erholungsuchenden ist heute schon größer als das Entgegenkommen, das sie mancherorts finden. Sylt zieht im Herbst und Winter auch Einzelgänger an. Gemeint sind Menschen, die Seeluft und Wind, Strandgänge und Dünenwanderungen lieben, ohne daß ihnen „Kurmittel“ des Meeres in Instituten kredenzt werden. Doch frage man vorher bei den überall auf Sylt auch im Winter besetzten Kurverwaltungen an, wo und wie man unterkommen, wo man essen kann, und ob die Zimmer heizbar sind. Der Wohnungsanzeiger von Kampen verzeichnet fünfzig ganzjährig geöffnete Häuser. Auch das reizende „Kamphüs“ mit seinen Lese- und Tischtennissälen und anderen allgemein zugänglichen Aufenthaltsräumen ist, in der Kampener Ortsmitte gelegen, jederzeit offen. Doch! zum Strand ist es weit. An der engsten Inselstelle, wo man Ost- und Weststrand mit einem Katzensprung erreichen kann, in Rantum, hapert’s ab Ende Oktober dagegen mit der Gastlichkeit. Für zwölf bis dreizehn Mark Vollpension (keine Kurtaxe!) sind drei Gast- und mehrere Privathäuser mit Zentralheizung in List, an der Nordspitze der Insel, auch im Winter aufnahmefähig. Aber der Weststrand ist vier Kilometer entfernt und die Omnibusverbindung dorthin von Oktober an unterbrochen. Wer mit der Sylter Südspitze Hörnum liebäugelt, findet auch dort einige „ganzjährige“ Pensionen. Sogar der Lesesaal im „Kurhaus“ ist im Winter geheizt. Auf Wanderungen muß man dort unten Gefallen finden können an „Mondlandschaft“, einer urweltähnlichen Bildung, wo das Leben soeben entstanden zu sein scheint.