Uwe Johnson, ein Norddeutscher von 25 Jahren, dessen Namen man also nicht englisch auszusprechen braucht, hat seinen Erstling herausgegeben, einen Roman, der eine ungewöhnliche Begabung ankündet.

Uwe Johnson: „Mutmaßungen über Jakob“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 308 S., 14,80 DM.

Leider ist kaum damit zu rechnen, daß dieses Buch den Erfolg haben wird, den sein Autor verdient; es ist zu andeutend in seinen Feinheiten, ebensosehr auf Verschattung wie auf Belichten aus; fast alle Gewißheiten darin werden halb oder ganz zurückgenommen in ein Gewölk von Mutmaßungen, deren mehrdeutige Bedrängnis man ratlos mitfühlt. Der Roman spielt jenseits des Eisernen Vorhangs in der deutschen Ostzone; Jakob, ein Bahnbeamter im Stellwerkturm einer städtischen Geleiseanlage, ist der jugendliche Held, ein Arbeiter, von dem das Proletenhafte, alles Grimmige und Haßerfüllte der früheren kämpferischen Linksliteratur weggenommen ist, ein parzivalisch reiner Mensch, den die Staatspolizei zu ihrem Instrument zu machen sucht. Ein Mädchen, das ihm herzlich wichtig ist, ja auch eine Mutter gehen über die Grenze nach dem Westen: die Politik greift in die innersten menschlichen Beziehungen, und ihre Vertreter legen alles darauf an, auch die Liebe zu ihrer Macht zu machen; dadurch wird Jakob aus seinem Selbstgenügen in der Arbeit herausgerissen und wird zum Mittelpunkt eines dramatischen Wirbels, er der stille, der nur durch das Herz bewogen nach dem Westen übergeht, jedoch zurückkehrt, als der ungarische Aufstand von den Russen niedergeschlagen wird, als ferner Großbritannien im Verein mit Frankreich Nasser-Ägypten anfällt. Die Alternative Osten oder Westen hat dadurch für ihn den Sinn verloren: wenn schon staatliche Macht, dann nimmt er sie noch eher in dem Lande hin, das seine Heimat ist und den Arbeitern Hoffnungen auf ferne Zukünfte zu machen versteht.

Die alten Menschen sind umrissen, wissen wo sie stehen, wissen aber auch, wie man, um Scherereien zu entgehen, den Kopf in den Sand steckt. Die jungen sind innerlich umgetriebener, vom Hüben und Drüben des Vorhangs leichter verlockt, schwankender – auch darum, weil ihr Idealismus nicht immer genau weiß, wohin er eigentlich gehört. Johnson kennt die Mittel und Kniffe der neuen Erzählweisen: das Abreißen des Zusammenhangs; die wandernde Perspektive, wo der Erzähler den Blickpunkt bald der einen, bald der andern seiner Gestalten einnimmt; den inneren Monolog; jenes Reden, das statt Klarheiten Ungewißheit hervorbringt. Es ist, als wollte er seine Figuren rasch zeigen, dann jedoch ebenso rasch wieder in den Nebel zurückscheuchen, der hier eine so große Rolle spielt, wo sie schwankend und verlockt, dann wieder brav und gewollt nichtswissend, immer erneut diese beiden Phasen durchlaufend, nicht mehr klar wissen, was sie hoffen sollten oder könnten und woher das Unheimliche komme, das in der Luft liegt und das ihre Angst zu verharmlosen, zu vergemütlichen, überhaupt zu verkindlichen bestrebt ist – was noch die ärgste Erniedrigung ist, weil sie sie selber sich antun. Ein Herr Rohlfs von der Staatspolizei ist jenes Unheimliche in Menschengestalt, doch spürbar wird es nicht seiner Last entsprechend. So viel Schonung, Verhüllung seiner Personen: es muß das sehr Positive gesagt werden, daß solche Diskretion eine reichere Beziehung zwischen Dichter und Menschenwelt bekundet als allzu eifrige Annäherung mit ihren enthüllenden Plumpheiten. Und reich sind die Bezüge zwischen Johnsons Menschen und seiner Sprachwelt: auch in dieser lebt und treibt und blüht es vielfältig, streckenweise so als hätte die Sagelust des Autors die Sprache selbst befallen Das geht bis in mundartliches Gebabbel, das ja immer wirkt, als kämen da frisch geknetete Worte aus dem Schoß der Erde.

Ein Erstlingsroman, der uns die Mutmaßung hinterläßt, daß wir einem Talent gegenüberstehen, das nach oben unterwegs ist und das, wenn ihm eine Grundgewißheit feste Orientierungen im Wolkentreiben des Mutmaßlichen bieten wird, auch in uns die Gewißheit seiner bedeutenden Artung festigen wird. Uwe Johnson ist aus der Ostzone nach dem Westen herübergekommen; was ihn dabei geführt hat, mag, beim Bewußtsein menschlicher Opfer, doch der Drang gewesen sein, in einer Sphäre höherer Selbstverantwortung ganz zu werden.