Als John Foster Dulles im Walther-Reed-Hospital zu Washington starb, lag in einem Zimmer desselben Flurs von einem Schlaganfall gelähmt General George C. Marshall, der Stratege des alliierten Sieges im zweiten Weltkrieg und Außenminister der USA in den Jahren 1947 und 1948. Auch ihm war nur noch eine kurze Frist vergönnt: Er ist jetzt im Alter von 78 Jahren gestorben. Amerika hat in kurzer Zeit zwei Männer verloren, die die Politik ihres Landes in den Nachkriegsjahren entscheidend geprägt haben.

John Foster Dulles starb „in den Sielen“, bis zur letzten Stunde verzehrte er sich in der Politik. George C. Marshall hatte jahrelang schon ein zurückgezogenes Leben als Privatmann auf seinem Besitz in Leesburg geführt. Er war aus den Schlagzeilen der Weltpresse verschwunden. Nur zu seltenen Anlässen – etwa bei der Verleihung des Friedensnobelpreises – wurde die Öffentlichkeit wieder auf ihn aufmerksam. Er selbst tat nichts, um sich in Erinnerung zu bringen. Er gab weder Ratschläge noch schrieb er Memoiren.

George C. Marshall, Organisator der militärischen Koalition gegen Hitler, Sonderbotschafter Trumans, der vergeblich zwischen Mao und Tschiang Kai-schek zu vermitteln suchte, Außenminister der USA, der endgültig die Wendung der amerikanischen Rußlandpolitik vom „Appeasement“ (Beschwichtigung) zum Containment (Eindämmung) vollzog, der mit seinem Marshallplan die vom Krieg zerschlagene europäische Wirtschaft wieder auf die Beine gebracht hatte – er lebte als Pensionär auf seinem Besitz in Virginia. Ein Mann, der seine Pflicht tat, sooft man ihn rief – noch als 70jähriger übernahm er auf Wunsch Trumans bei Ausbruch der Korea-Krise das Verteidigungsministerium –, der aber, wenn er seine Aufgabe als erfüllt ansah, von der Bühne abtrat, ohne den Applaus abzuwarten.

Das Stichwort für seinen wichtigsten Auftritt lieferte dem damaligen Außenminister sein Stellvertreter Dean Acheson, der den Entwurf zu einem großzügigen Wirtschaftshilfsprogramm für Europa ausgearbeitet hatte. Marshall griff diese Idee auf und vertrat sie mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit in jener historisch gewordenen Rede vom 5. Juni 1947 in der Harvard-Universität, und er setzte sich damit auch gegen die Isolationisten und Budgetwächter im amerikanischen Kongreß durch. Die europäischen Staatsmänner atmeten auf. Ernest Bevin, der damalige englische Außenminister, erinnerte sich: „Ich hörte, was General Marshall sagte, und erkannte, daß er eine Rettungsleine war. Ich ergriff sie mit beiden Händen.“

Über 13 Milliarden Dollar (55 Milliarden DM) sind während der vierjährigen Laufzeit des Marshallplans nach Europa geflossen, davon allein 6,3 Milliarden DM in die Bundesrepublik. Mit den Marshall-Geldern konnten die europäischen Staaten Waren in Dollar-Ländern kaufen und sie im eigenen Lande wieder verkaufen. Die Verkaufserlöse (Gegenwerte) wurden zu langfristigen Krediten für den Wiederaufbau verwandt. So kamen einmal Lebensmittel und Rohstoffe zur Überwindung der akuten Not nach Europa, und gleichzeitig wurde der Wiederaufbau gefördert. Es war eine großzügige Starthilfe für die europäische Wirtschaft, auch für das deutsche Wirtschaftswunder.

Gleichzeitig aber zwang die amerikanische Hilfe die europäischen Länder zur gemeinsamen Planung. Der Europäische Wirtschaftsrat (OEEC) entstand, der Anstoß zur Europäischen Zahlungsunion (EZU) wurde gegeben; ja, auch die Montanunion geht letzten Endes auf die Initialzündung des Marshallplanes zurück. Europa lernte wieder auf eigenen Beinen zu stehen, und es fand auch den Weg zur politischen Gemeinschaft. Der Marshallplan legte das Fundament der amerikanischen Nachkriegsaußenpolitik und auch das Fundament für die Gemeinschaft der freien Welt. Marshalls Nachfolger, Dean Acheson und auch John Foster Dulles, haben darauf weitergebaut. Rolf Zundel