Einst, als Greta Garbo, schätzungsweise 29 Jahre alt, im Metro-Film „Menschen im Hotel“ mitspielte, da war ihre russische Tänzerin Grusinskaja die Hauptrolle.

Wie in Vicki Baums Roman, dem der Film nachgebildet ist, befindet sich diese weltberühmte Ballerina in einer psychologischen Krise. Sie glaubt bereits zu altern und bald nicht mehr tanzen zu können und versagt daher tatsächlich bei einer Vorstellung. Sie verläßt vorzeitig das Theater, um sich kurze Zeit darauf im Grand Hotel zum Selbstmord zu entschließen.

In dem vor wenigen Monaten neu gedrehten CCC-Film der Gloria gleichen Namens spielt Michele Morgan diese Rolle sympathisch, diskret, mit lebendigem Air. Sie könnte gar nicht besser sein: diese Grusinskaja nicht. Mit ihrer Zurückhaltung entspricht sie sogar mehr dem Sinn, der im Titel des Films angedeutet ist: dem immer auch kollektiven Charakter der Menschen an einem Brennpunkt der Weltstadt.

Die Morgan ist besser als die Garbo – in dem Sinne einer künstlerischen Moral. Aber was hilft schon die Einsicht, wenn der Beschauer, sozusagen mit Pauken und Trompeten, auf die Garbo „hereinfällt“? Wenn er minutenlang nichts als Bewunderung ihrer Schönheit ist? Wenn Greta Garbo, vom Gedanken an den Geliebten beflügelt, durch ihr Appartement tänzelt, fliegt und flattert, dann wirkt sie auf den Zuschauer des Jahres 1959 zuweilen exaltiert: Jede Zeit hat ihren Stil, jede Generation ihr spezifisches Pathos; nur das, wodurch sich die voraufgegangene Generation von der gerade herrschenden unterscheidet, scheint man ja fast immer mit einem Naserümpfen „theatralisch“ zu nennen.

Gut also, Greta Garbo ist ein bißchen theatralisch. Aber sie sieht so wundervoll aus, daß man das Prädikat „göttlich“ für sie erfinden müßte, wäre es nicht längst abgegriffene Münze. Und daß sie spielen kann, ist nicht zu übersehen. Jetzt fällt der vorzüglichen Michele Morgan in der filmischen Erneuerung der „Menschen im Hotel“ eine fatale Aufgabe zu. Sie muß eine lange Szene spielen, die Greta Garbo mit ihrer Schönheit noch so überstrahlte, daß man, betört, gar nicht so recht danach fragte, ob die Handlung sehr wahrscheinlich sei oder nicht: Die Frau, die ihr Leben eben noch gewaltsam beenden wollte, läßt sich im Handumdrehen zu einem ausgiebigen Schäferstündchen verleiten.

Baron von Gaigern, in der Neufassung ein ungarischer Flüchtling, im übrigen ein Hochstapler und Hoteldieb (von O. W. Fischer mit einem leichten Zynismus gespielt, der für eine Oscar-Wilde-Rolle ausreichte) bricht in das Schlafzimmer der Grusinskaja ein, stiehlt ihr kostbares Kollier, reißt ihr das Veronalglas aus der Hand und streckt sich kurz darauf zu einem Turteltaubenidyll aus. So krasse Umschaltungsprozesse der Situation und der Stimmung wollen erst bewältigt sein. Vicki Baum, der durchaus respektable Regisseur Gottfried Reinhardt und Michèle Morgan schaffen es nicht ganz. Was hier geredet wird, und wie es geredet wird, ist Literatur, und, versteht sich, nicht gerade erstklassige. Man würde das Papier der Dialoge noch mehr spüren, wäre der Film im übrigen nicht ehrenwert gemacht: mit guter Besetzung, guten darstellerischen Leistungen und sehr anständiger (wenn auch gar nicht phantasievoller und schöpferischer) Kameraarbeit tüchtiger Filmmänner.

Eine andere Hauptfigur ist Preysing, Generaldirektor eines Textilunternehmens, von Gert Fröbe ganz vortrefflich angelegt, wenn auch leicht chargiert. Wie Preysing Industriekapitäne mit einer gefälschten Bilanz zu einem Millionenkredit verlockt, ist herzbewegend unglaubwürdig. Weit besser als im Garbo-Film ist jetzt übrigens motiviert, warum Preysing den Baron erschlägt: der Hochstapler bringt ihn durch einen zynischen, mit Eiseskälte vorgetragenen Erpressungsversuch zur Weißglut.