E. A. G. Brüssel, im Oktober

In diesen Tagen ist es fünfzig Jahre her, daß das Kongogebiet belgische Kolonie wurde. Für die Belgier besteht aber kaum Veranlassung, Feste zu feiern, denn auch der Kongo ist in Bewegung geraten. Die politische Lage in der Kolonie, die an Ausdehnung das Mutterland um das Achtzigfache übertrifft, ist wohl ebenso unübersichtlich wie das Programm, das man in Brüssel zur Befriedigung der Wünsche des Kongo bereit hält. Man hat noch keine richtige Vorstellung von den rund 30 Kongo-Parteien, die voraussichtlich an den Kommunalwahlen im Dezember teilnehmen werden. Dr. de Staercke, der Präsident des katholischen Industrieverbandes, befürwortet eine frühzeitige Proklamation der Unabhängigkeit des Kongo, da seiner Ansicht nach die Eingeborenen-Führer jetzt noch bereit sind, mit Belgien, wenn auch in anderer Form, eng zusammenzuarbeiten. Die Sozialisten befürchten aber, daß die Nationalisten des Kongo durch die konservative Kolonialpolitik bereits allzu stark vor den Kopf gestoßen seien.

Zu den politischen Sorgen kommen die finanziellen Nöte, die den Kongo an den Rand des Abgrunds zu bringen drohen. Schon in den letzten beiden Jahren wies der Haushaltsplan für den Kongo ein bedenkliches Defizit aus. 1958 betrug der Fehlbetrag 2,5 Mrd. bfrs (rund 200 Mill. DM). Im laufenden Jahr ist der Fehlbetrag höher, und 1960 werden mindestens 250 Mill. DM fehlen, auch wenn man nur die dringlichsten Ausgaben finanzieren will. Die politische Situation zwingt zu neuen und höheren Ausgaben für technische Entwicklungsprojekte und das Unterrichtswesen. Dem neuen Kolonialminister De Schrijver fällt die undankbare Aufgabe zu, die Mittel zur Deckung des Haushaltsdefizits herbeizuschaffen. Bei seinem Kollegen vom Finanzressort braucht er gewiß nicht anzuklopfen, denn diesem raucht selbst schon der Kopf vor Sorgen wegen des Milliardendefizits im belgischen Haushaltsplan.

Kredite sind der einzige Ausweg, deshalb ist Belgiens Finanzminister van Houtte auch nach den USA gereist. Die Weltbank soll ihm bereits ein Darlehen von 5 Mrd. bfrs (420 Mill. DM) zugesagt haben, doch bemüht sich der Minister auch noch um Kredite der amerikanischen Regierung und von Privatinstituten. Für diese Mittel, die in den Kongo zu investieren wären, müßte sich die belgische Regierung verbürgen. Doch da dann auch nur die notwendigsten Investitionen der öffentlichen Hand sichergestellt wären, müßten für alle weiteren, recht umfangreichen Ausgaben die Schleusen der Privatwirtschaft geöffnet werden. Es dürfte jedoch außerordentlich schwerfallen, die belgische Unternehmerschaft zu einem Zeitpunkt zu mobilisieren, da die Konjunktur im Kongo nicht eben günstig ist und die politischen Perspektiven wenig vertrauenerweckend sind.

Man kann die Situation im Kongo mit der Entwicklung in Indonesien während der Jahre 1945 bis 1950 vergleichen. Damals flossen Hunderte Millionen Gulden nach Holland zurück, weil die holländischen Unternehmer wenig Lust dazu verspürten, ihr Kapital aufs Spiel zu setzen. Heute ziehen die belgischen Unternehmer – aus den gleichen Gründen – ihr Geld aus dem Kongo heraus. Nicht nur Betriebskapital verläßt ungehindert die Kolonie, auch die Spargelder der im Kongo tätigen Belgier und überhaupt Europäer werden transferiert, während es bis vor kurzem noch als ganz selbstverständlich galt, diese Gelder im Kongo selbst anzulegen. Die belgische Wirtschaft hat den Kongo bereits abgeschrieben, während man sich in der Politik noch über die Souveränitätsfrage den Kopf zerbricht.