Daß einer ein einziges Gedicht sein Leben lang für das schönste hält, scheint mir nicht wahrscheinlich. Je größer seine Aufnahmefähigkeit für Lyrik ist, desto weniger leicht wird er die Frage nach seinem „Lieblingsgedicht“ beantworten können. (Musikalische Menschen, manchmal auch unmusikalische, haben „Lieblingsmusiken“; Musiker nie).

Ich erinnere mich, daß ich einmal – fünfzehnjährig – in einen Rausch von Poesie geriet. Ich verbrachte Ferien auf dem Lande und fand dort Goethes Gedichte. Nachdem ich acht Tage nichts Gedrucktes vor Augen gehabt hatte, schaute ich aus Langeweile in den Band hinein und fühlte mich plötzlich umbrandet von einer Frische, einer Kraft, einer Helle und Heiterkeit, wie ich sie bisher nicht gekannt hatte. Es handelte sich vor allem natürlich um die Verse des jungen Goethe. Noch heute könnte ich das Zimmer, das Haus, die Landschaft beschreiben, wo ich Goethe las. Es hat da etwas wie eine Verschmelzung stattgefunden zwischen der Erinnerung an diese (rheinische) Landschaft und der Beschäftigung mit goethischer Poesie. Frische Morgenluft in der Frühe, ein Lichtreflex abends auf einem alten Möbelstück genügen, und noch, heute werden ein paar Zeilen aus jenem vergilbten Buch unwillkürlich aus dem Gedächtnis hervorgerufen, samt der Erinnerung an die damalige Atmosphäre, zu welcher der Geruch von Pferden und der Duft reifer Äpfel gehörten.

Im Kriege hatte ich nicht Goethe, sondern Gryphius im Gepäck: „Sei dennoch unverzagt“. Und später war ich lange Zeit überzeugt, daß es kein schöneres Gedicht in deutscher Sprache gäbe als jene Verse des weithin unbekannten Daumer, der indes ein genialer Mann gewesen sein muß, da ihm (vielleicht unter vielem Mittelmäßigen) ein Gedicht gelang wie dieses, das mit den Worten anfängt: „Nicht mehr zu dir zu gehn, beschloß ich und beschwor ich, und gehe jeden Tag.“

Nach einigem Nachdenken aber komme ich darauf, daß Eichendorffs „Heimweh“-Gedicht mich jedesmal, wenn ich es las oder in der Wolfschen Vertonung hörte, wie ein coup de foudre traf. Was mich dabei ergreift, ist nicht die romantische Stimmung des Wanderers in der Fremde, nicht der Satz, daß, wer mit der Liebsten geht, nirgendwo ganz alleine sei, nicht die Wehmut, mit der die „alte, schöne Zeit“ im Sternenlicht und Nachtigallenschlag heraufbeschworen wird; mich rührt wohl die Tatsache, daß dies Gedicht das Lied der Heimatvertriebenen sein könnte, die jedes Wort als Ausdruck des eigenen Schicksals wiederholen könnten: was mir ans Herz greift, ist vor allem die letzte Zeile: ‚Grüß dich, Deutschland’...

Der Begriff .Deutschland‘ klingt in so manchen Liedern in einer Betonung auf, die nichts ist als ein propagandistischer, ein nationalistischer Akzent – mindestens kommt es uns, die wir mancherlei erlebt haben, so vor. Hier aber, bei Eichendorff, ist es kein „gezieltes“ und daher flaches Wort; es ist hier ja auch nicht politisch gemeint. Es wird vorbereitet durch die Zeile: „Der Morgen, das ist meine Freude“ und umschließt alles, was der Begriff Deutschland in seiner ganzen Tiefe bedeutet, alles, die Ströme und Berge, die Dome und Wälder, natürlich auch die Deutschen und das, was sie erleben und erleiden. Deutschland, gegrüßt aus Herzensgrund – welch heilsames Wort für uns Deutsche! Und wie groß ist der Dichter aus den ober schlesischen Wäldern, der so einfach und allumfassend sein Deutschland lieben konnte, das auch das unsere ist!

JOSEPH MÜLLER-MAREIN, Jahrgang 1907, ist Chefredakteur der ZEIT. Bekannt wurde er durch Reportagen unter dem Namen Jan Molitor, die als „Kavalkade 1946“ und „Kavalkade 1947“ gesammelt erschienen, und durch zahlreiche Rundfunk- und Fernseh-Sendungen (wie „Panorama“). Gerade jetzt kam sein Frankreichbuch „Die Bürger und ihr General“ im Nannen Verlag heraus.