Der letzte Strohhalm, an den Handel und Verbraucher sich in diesem kartoffelteuren Herbst geklammert haben, ist geknickt. Die Streichung des Kartoffelzolls bis zum 31. März 1960 wird kaum Hilfe bringen. Die Kartoffeln werden – im großen und ganzen gesehen – teuer bleiben.

Die Holländer z. B. reagierten auf die ersten Meldungen, daß die Bundesrepublik den Zoll aussetzen wolle, mit einer Preiserhöhung. Sie schlugen den Zollbetrag auf ihre Forderungen auf, die wegen einer gleichfalls unbefriedigenden Ernte ohnehin nur wenig unter dem deutschen Preisniveau lagen. Außerdem interessiert sie und die übrigen Exportländer für Kartoffeln der britische Markt mehr. Denn dort können sie (übrigens genau wie im vorigen Jahr) noch mehr für ihre Erzeugnisse erlösen als in der Bundesrepublik.

Inzwischen haben die Preise eine ungeahnte Höhe erreicht. Sie liegen in manchen Gebieten um 50 v. H. über denen des Vorjahres, die auch schon teure Folgen einer knapperen Ernte gewesen waren. Im Rheinland z. B. sind die Forderungen der Erzeuger mit 10,50 bis 12 DM um 3 bis 4,50 DM höher als in der dritten Oktoberwoche 1958. Manche Hausfrauen haben – entgegen den guten Ratschlägen ihrer Organisationen – überhastet eingekellert. Das hat die Marktlage noch verschlechtert.

Allerdings – die Versorgung ist trotz der schlechten Ernte gesichert. Dem jährlichen Bedarf an Speisekartoffeln von etwa 8 Mill. t steht ein Angebot von 10 Mill. t gegenüber. Der Rest von 12 Mill. t (Gesamternte etwa 22 Mill. t) kann wegen seines hohen Stärkegehalts nur verfüttert werden. Bleibt also nur das Problem des Preises. Leider werden dabei die Verbraucher ein Opfer ihres guten Geschmacks. Denn sie bevorzugen die gelbfleischigen, festkochenden Sorten, deshalb auch „bevorzugte Sorten“ genannt. Ausgerechnet diese sind jedoch knapp. Sie sind im übrigen auch im Ausland kaum zu haben.

Die Mißernte befiel gerade die Anbaugebiete (Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Rheinland), in denen die „bevorzugten Sorten“, zu denen Bona gehört, gezogen werden.

Die „guten Sorten“ (z. B. Ackersegen) werden dagegen von den Verbrauchern weniger gern gegessen. Tatsächlich läßt sich gegen sie einwenden, daß sie erst ab Weihnachten wirklich gut schmecken. Dafür sind sie jedoch preiswerter. In Hamburg betrug der Preisunterschied (Erzeugerpreis) gegenüber den „bevorzugten“ Sorten zwei Mark in der vergangenen Woche. Hier können noch Preissenkungen erwartet werden. Denn in Bayern, wo diese Sorten hauptsächlich angebaut werden, war die Ernte in diesem Jahr besser als im vorigen. Sobald größere Lieferungen aus dem Süden eintreffen, ist also mit einer Ermäßigung zu rechnen. Der Preis für die „bevorzugten Sorten“ wird dagegen kaum sinken.

In jedem Falle sollten die Verbraucher sich nicht beirren lassen. Sie sollten – dem Tip des Deutschen Bauernverbandes folgend – abwarten. Auch in den ersten Monaten dieses Jahres sind noch qualitativ gute Kartoffeln aus den Lagern auf den Mark: gekommen, die billiger waren als zur Zeit der Einkellerung. Mit einer ähnlichen Preisentwicklung ist auch in diesem Winter zu rechnen.

L. D.