Tscherwenenko löst Judin ab – Das „Russenprinzip” durchbrochen

Von Wolfgang Leonhard

Nur wenige Tage nach den sowjetisch-chinesischen Verhandlungen, die ohne Abschluß-Kommuniqué beendet wurden, hat Moskau am 15. Oktober den 60jährigen Parteiideologen Pawel Jüdin von seinem Posten als Botschafter in Peking abberufen. Zum neuen Sowjetbotschafter in Peking ist der 48jährige, aus dem ukrainischen Parteiapparat stammende Stepan Wassiljewitsch Tscherwenenko ernannt worden.

Pawel Judin war fast sechs Jahre Botschafter in Peking. Schon vorher mußte er für Moskau einige „heiße Eisen“ anfassen. Stalin hatte Jüdin im September 1947 nach Belgrad entsandt, um dort die Leitung der Kominformzeitung „Für festen Frieden und Volksdemokratie“ zu übernehmen. Als eingefleischter wachsamer Stalinist brachte er sogar sowjetische Setzer mit, weil er den Jugoslawen mißtraute. Sein Mißtrauen paarte sich mit Ängstlichkeit und Ergebenheit gegenüber der Moskauer Führung: Die ersten Abzüge jeder Nummer der Zeitung wurden von Jüdin mit einem Sonderflugzeug nach Moskau geschickt, damit sie von Stalin und Molotow durchgesehen werden konnten. Seine engen Beziehungen zum sowjetischen Staatssicherheitsdienst waren ein offenes Geheimnis. „Der beste Philosoph unter den NKWD-Leuten und der beste NKWD-Mann unter den Philosophen“ nannte man ihn damals.

Nach dem Bruch Jugoslawiens mit Moskau im Sommer 1948 trat er als Scharfmacher in der antijugoslawischen Kampagne hervor, wurde 1953 politischer Berater bei der sowjetischen Hochkommission in Ostberlin und im Dezember des gleichen Jahres zum Botschafter in Peking ernannt. An allen wichtigen sowjetisch-chinesischen Verhandlungen – beim Chruschtschow-Besuch im Oktober 1954, beim Mikojan-Besuch im März 1956, bei den Verhandlungen mit Tschu En-lai im Januar 1957 in Moskau und beim Woroschilow-Besuch im Frühjahr 1957 – war er anwesend. Nur während der Volkskommunen-Kampagne im Sommer 1958 verließ Judin ohne Begründung seinen Posten in Peking. Erst Ende 1958 kehrte er wieder zurück. Zu seinem 60. Geburtstag, am 6. September 1959, erhielt er den Lenin-Orden „für besondere Verdienste um den Sowjetstaat“. Schon um diese Zeit muß jedoch seine Abberufung von der Moskauer Führung ins Auge gefaßt worden sein, denn zum erstenmal nahm Jüdin an den jüngsten Verhandlungen Chruschtschows und Suslows mit Mao, hin Schao-tschi und Tschu En-lai nicht teil.

Über Pawel Judins neue Funktion wurde bisher nichts bekanntgegeben. Es ist möglich, daß er zu ideologischen Arbeiten nach Moskau berufen wird. Kürzlich wurden mehrere bekannte Sowjet-Philosophen aus der Redaktion der Zeitschrift „Fragen der Philosophie“ entfernt. Dadurch sind empfindliche Lücken entstanden.

Die Verflechtung machtpolitischer und ideologischer Fragen in den sowjetisch-chinesischen Beziehungen dürfte Moskau bewogen haben, als neuen Botschafter wiederum einen Parteiideologen zu entsenden. Ähnlich wie Judin ist Stepan Wassiljewitsch Tscherwenenko – wenn auch in bescheidenerem Maße – bisher vor allem als Parteipropagandist und Ideologe hervorgetreten. Über seine Laufbahn bis zu Stalins Tod ist in der Sowjetunion niemals etwas veröffentlicht worden. Nach Berichten von Flüchtlingen soll er während des Krieges Pölitkommissar einer ukrainischen Partisanengruppe gewesen sein. 1953 trat er zum erstenmal als Leiter der „Parteischulung“ im ukrainischen Zentralkomitee hervor und avancierte 1955 zum Leiter der übergeordneten Abteilung „Wissenschaft und Kultur“, die neben der Parteischulung für die gesamte Agitation, für Propaganda, Schulwesen, Literatur, Kunst und Wissenschaft verantwortlich ist.