Von Günter Blöcker

Als Paul Valéry in den zwanziger Jahren gefragt wurde, wen er für den größten französischen Schriftsteller seiner Zeit halte, antwortete er ohne Zögern: Henry de Montherlant. Als vor kurzem ein deutscher Journalist diese Frage an Jean Giono stellte, erhielt er die gleiche Antwort. Nimmt man hierzu noch einige entsprechende Äußerungen von Georges Bernanos und Romain Rolland, so steht man vor dem nicht eben häufigen Faktum, daß vier bedeutende Autoren sehr unterschiedlicher Geistes- und Schaffensart einem fünften einmütig die Palme zuerkennen.

Es fragt sich, was Montherlant zu so einhelliger Zustimmung verholfen hat. Und da drängt sich eine Antwort auf, die manchem fragwürdig erscheinen mag, nämlich: seine Vieldeutigkeit. Man kann sich leicht vorstellen, was jeder unserer erlauchten Gewährsleute an Montherlant besonders schätzte oder noch schätzt, und es kann keine Frage sein, daß es in jedem Falle etwas völlig anderes ist. Valéry mag an ihm vor allem seine Geistesstrenge bewundert haben, Romain Rolland sein Ethos, Bernanos seinen Katholizismus. Giono wird sich von Montherlants Vitalismus und seinem Herrentum angezogen fühlen.

Jeder von ihnen hat dabei recht und unrecht zugleich. Denn jeder dieser Züge offenbart eine sehr ausgeprägte Seite Montherlantschen Wesens. Nur ist es falsch, eine davon isolieren zu wollen. Erst in der Spannung und im Zusammenklang aller dieser Züge entsteht der ganze Montherlant. Sein Denk- und sein Lebensstil stehen unter dem Gesetz der „alternance“, der Überschneidung und Zusammenschau des scheinbar Unvereinbaren.

Das ergibt sich schon aus seiner Biographie. Montherlant ist Franzose spanischer Abkunft, Sproß eines alten katholischen Adelsgeschlechts. Das Erlebnis Nietzsches und d’Annunzios, deren Herrenmoral er sich zueigen machte, dazu die Bejahung des Leiblich-Heroischen, wie sie ihm durch die Erfahrungen des Krieges, des Sports und des von ihm in jungen Jahren ausgeübten Stierkampfs nahegebracht wurde, haben die Voraussetzungen dafür geliefert, daß Montherlant einer der großen Widerspruchsvollen unserer Epoche wurde. Ein mittelmeerischer Trieb- und Sinnenmensch, der Vertreter eines hochmütigen „sacré égoisme“, ein Mann des Persönlichkeitsstolzes, ein Antimetaphysiker, dessen Leitspruch das primum vivere“ ist, ein Lobredner der physischen Schönheit und des Genusses ebenso wie der „schützenden Hand des katholischen Fatums“ – das ist Henry de Montherlant.

Montherlants Denken kreist um die, wie er selber meint, ein wenig verwirrende Gestalt des „Mönch-Soldaten“, dessen Reich zwischen Hingabe und Entsagung, zwischen Tätertum und Kontemplation liegt. Als Soldat richtete er die Tat auf. Als Mönch untergräbt er sie. Aedificabo et destruam: Ich werde aufbauen, und dann werde ich zerstören, was ich baute.

In solcher Widersprüchlichkeit weiß Montherlant sich fest und sicher beheimatet, aus ihr zieht er die Kraft und Frische seines Lebensbegriffs oder – literarisch gesprochen – seines Stils. In der stählernen Anmut seines Schreibens, der dialektischen Spannung seines Erzählens, der Schlankheit, Genauigkeit und schmucklosen Eleganz seiner Diktion bekundet sich sein Verhältnis zur Welt. Schützengraben und Sportarena sind die Schauplätze, auf denen sich dem jungen Autor der Begriff vom ritterlichen Leben bildete. Der Kriegsroman „Le Songe“ (1922), „Les Olympiques“ (1924) und der Stierkämpferroman „Les Bestiaires“ („Tiermenschen“) sind die charakteristischen Werke seines Werdens.