A. M., Paris, im Oktober

Seit Pierre Mendès-France (PMF) seinen heroischen Versuch einer Reformierung der Radikalen Partei aufgeben mußte, ist er auf der Suche nach einer neuen Partei. Denn er glaubt nicht wie die im Kielwasser de Gaulles schwimmenden „Technokraten“, daß man die in Frankreich notwendigen Strukturreformen einseitig von oben oktroyieren könne – er meint, man müsse dafür zum mindesten einen Teil des Volkes auf seiner Seite haben.

Nach einem Jahr Einzelgängerei hat er sich darum im letzten Monat – nicht zuletzt auf Drängen seiner Freunde Bevan und Nenni hin – der „Autonomen Sozialistischen Partei“ (PSA) angeschlossen, Das ist die im Aufbau begriffene Organisation der Minderheitssozialisten um Depreux und Verdier, die den opportunistischen (und gaullistischen) Kurs der Mehrheitssozialisten um Guy Mollet nicht weiter mitmachen wollten.

Was der Ruf einer Persönlichkeit ausmacht, das konnte man deutlich feststellen bei der ersten PSA-Versammlung in Paris, an der PMF teilnahm. Der große Saal der Mutualité samt den angrenzenden Korridoren war knallvoll, vorwiegend junges Publikum; draußen auf der Straße blieben viele Hunderte stehen, die keinen Einlaß mehr fanden. Und PMF enttäuschte sein Publikum nicht. Auf Polemik fast ganz verzichtend zeigte er, daß eine freiheitliche Linkspartei nicht durch sture Antiparolen (Antikapitalismus, Antikommunismus, Antifaschismus) geschaffen werden kann. Seine These: Erhält Frankreich endlich die zeitgemäße Wirtschafts- und Sozialstruktur, so fallen alle politischen Verkrampfungen automatisch von ihm ab.

Diese „Entideologisierung“ schien nicht dem Geschmack aller „Genossen“ vom PSA zu entsprechen. Ein erster, spontaner Versuch, das Anstimmen der Internationale als Antwort auf rechtsextremistische Tränengasbomben, verklang jämmerlich. Die Versammlung spürte, daß mit diesen abgelegten Kleidern kein Staat zu machen ist,

Da holte die Versammlungsleitung Lautsprecher und Grammophonplatte zu Hilfe und sang, mit erhobenen Fäusten den schweigenden PMF umringend, die alte Hymne des Klassenkampfes herunter. Hat PMF das falsche Schiff bestiegen? Oder rechnet er etwa damit, diese Partei ummodeln zu können?